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Der Reiz des Chaos    (Berliner Zeitung, 19. April 2005)

Der beste Spielplatz ist der Wald. Kein anderer lässt Kindern so viel Raum für Erlebnisse - sagt ein Spielplatzgestalter

Markus Thierbach

BONN, 18. April. Die Herzogin von Northumberland hatte ein Problem: Es kamen zwar viele Familien zu ihr, um die Drehorte der Harry-Potter-Spielfilme zu sehen, nicht aber, um ihr Schloss zu besichtigen. Also musste das Anwesen als Ausflugsziel attraktiver werden. Ein Baumhaus sollte her und der beste Spielplatz der Welt. "Da hab ich ihr gesagt, sie soll mir erstmal den zweitbesten zeigen", erzählt Günter Belzig von seiner Begegnung mit der Britin. "Und das ist immer der der eigenen Kindheit."

Günter Belzig ist Spielplatzgestalter, seit dreißig Jahren. Er hat mehr als 70 Spielplätze selber geplant, und er war Berater bei 3 000 anderen. Eigentlich mag er sie nicht. Er bezeichnet Spielplätze als Hamsterkäfige, in die Kinder verfrachtet werden, weil die Welt drumherum nur für Erwachsene ausgelegt ist. In der urbanen Gesellschaft ist für spielende Kinder kein Platz, außer auf dem Spielplatz. "Hundert Bäume pro Kind, das wäre ideal", sagt der 63-Jährige.

Er selbst wuchs im kriegszerstörten Wuppertal auf. Die Trümmerlandschaft, sagt er, war fast so gut wie der Wald. Auch hier konnte man auf Erkundungstour gehen, hier ließen sich tolle Verstecke bauen, und es gab diesen hohen Schornstein, in den er und seine Freunde durch ein Loch steigen konnten. Wenn sie darin gegen die Wand drückten, fing der Schlot an zu schwingen - einmal so stark, dass ein Ziegelstein von oben herunter fiel. Das war zwar gefährlich, "aber dieses Austesten von Grenzen gehört zum Spiel". Erst als er zwölf Jahre alt war, gab es in der Nähe einen Spielplatz, mit einer Rutsche und einer Schaukel. "Da sind wir ab und zu hingepilgert", sagt Belzig. "Wir haben auch die Geräte benutzt, aber die Trümmer waren viel abenteuerlicher."

Die "Erkundung des Chaos" als optimales Spiel ist heute in kaum einer Stadt mehr möglich. Die Vielfalt der Spielmöglichkeiten in der Natur oder auch in einer Trümmerlandschaft aber kann ein Spielplatz nur imitieren. Umso wichtiger ist es, ihn so funktionstüchtig wie eben möglich zu machen. Und das heißt für Belzig insbesondere, dass ein Spielplatz auf den sozialen Hintergrund der Kinder im Umkreis abgestimmt sein muss. "Wo zum Beispiel viele große Familien wohnen, sind soziale Spiele wie Wippen nicht besonders nötig", sagt er. "Diese Kinder haben genug Kontakt mit anderen Menschen, anders als Einzelkinder, die mit der Oma auf den Spielplatz gehen." In industriell geprägten Gebieten kann der Spielplatz auch die Umgebung verstehen helfen, durch Arbeitsspiele etwa mit Kränen und Flaschenzügen.

Alternativ gibt es eine zweite Möglichkeit der Gestaltung, nämlich den Kindern einen halbwegs natürlichen, grünen Ort zu bieten, an dem sie sich austoben können. Und damit sich davon nicht die Anwohner belästigt fühlen, muss die Aufstellung und Anordnung der Spielgeräte gut bedacht sein. "Laute Spiele stellt man besser da auf, wo es sowieso schon laut ist, in Straßennähe", schlägt Belzig vor. Als Barriere dient ein Zaun, der auf Spielplätzen an Straßen sowieso aufgestellt werden muss. Solche Lösungen klingen banal. Eigentlich müssten sie den Landschaftsarchitekten und Pädagogen, die Spielplätze planen, sofort einleuchten. Doch die Realität sieht meistens anders aus.

Der Autodidakt Günter Belzig, der als Designer einst den bekannten Floris-Stuhl entwarf, hat schon mehrere Bücher über Spielplatzgestaltung veröffentlicht und ist ein international gefragter Experte, der in vielen Ländern, von Puerto Rico bis Dänemark, Spielplätze entworfen hat. Ein Spielplatz, meint er, soll ein Ort des Erlebens sein. Immerhin habe die vernachlässigte Pflege der Spielplätze durch die Gemeinden dazu beigetragen, dass viele Plätze verwilderter und damit kindgerechter geworden seien. So haben leere Kassen eben auch ihr Gutes.

Dennoch geht Belzig mit seinen Enkelkindern nicht auf Spielplätze, sondern in den Wald. Der Wald ist der beste Spielplatz, findet er. Er muss es wissen. Er hat selber auf dem zweitbesten gespielt.

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