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Fotos: Petry

Der Designer Günter Beltzig entwirft in seinem Atelier in Deimhausen bei Hohenwart das, was Kinder überall auf der Welt zum Spielen inspiriert.

Die Spitze des Stuhldesigns war erst der Anfang

Der Designer Günter Beltzig und wie er die Welt sieht / Spielplätze für die Welt - made in Deimhausen

 

Von Mathias Petry

 


 

Es ist nicht irgendein Karussell. Es ist eines der bekanntesten seiner Art, das der Designer Günter Beltzig im Jahr 1973 entworfen hat. Irgendwo hat es jeder schon einmal stehen sehen. Mit seinen Rundungen könnte es fast von Luigi Colani sein, dessen Designarbeit bald jedes Kind kennt. Ist es aber nicht. Es ist von jenem Günter Beltzig, seit 1971 wohnhaft am Kirchberg zu Deimhausen bei Hohenwart in einem der malerischsten Stückchen Pampa der Region. In der Branche ist der Name Günter Beltzig ein Begriff wie Colani, außerhalb nicht. Beltzig ist eben keiner, der die große Bühne suchte, keiner, der den öffentlichen Ruhm anstrebte. „Weißt du", sagt er mit seinem intensiven Beltzig-Blick, „ich hatte früh Familie, ich hatte früh andere Werte. Und du brauchst die Show nicht, um gutes Design zu machen."

Design. Das ist seine Welt. Das ist seine Liebe. Und es tut ihm weh, dass das Wort heute verhunzt und missbraucht ist, dass es das Edle, das Schöne in seinem Klang verloren hat. „Heute gibt es Designer-Klamotten, es gibt sogar Designer-Drogen. Design ist etwas Negatives geworden", sagt er mit einem Duktus, der auch nach Jahrzehnten in Bayern typisch Wuppertal geblieben ist. Design und Negativ – das geht für Günter Beltzig nicht zusammen. Design, das hat so etwas Reines, Klares, ja Künstlerisches, kann man ihn denken hören. Design, das ist die Suche nach der perfekten Form, nach dem perfekten Zusammenspiel von Funktion und Ästethik, die Linie, die Idee.

Günter Beltzig mit seinen 63 Lenzen (die man ihm nicht im Entferntesten ansieht) ist da einer vom alten Schlag. Wenn er sagt „Ich bin Designer", dann schwingt das etwas mit, das eine ganze Welt einschließt. Designer – das ist für ihn nicht einfach irgendeine Tätigkeit, die die Kohle ins Haus bringt, das ist nicht einfach irgendein ein Job. Designer zu sein, das ist für Günter Beltzig ein Lebensgefühl.

Ein Lebensgefühl, das ihn tagaus, tagein bewegt. Schließlich hat auch seine Frau Iri Design studiert – und zwar an der legendären hfg ulm. Sie hat den großen Teil ihres Berufslebens damit verbracht, als Journalistin über Design, auch über das Design ihres Mannes, zu schreiben. Zurzeit arbeitet sie allerdings mehr literarisch.

Es ist ein ständiger Austausch über ihren Beruf, der die Beziehung der beiden, die in den frühen 70er Jahren begann, begleitet. In diesen Jahren ist eine eigene kleine Welt entstanden. Eine Spielplatzwelt. Denn Spielplätze sind es, auf die Günter Beltzig sich über die Jahre spezialisiert hat. Nicht nur kleine Spielplätze um die Ecke mit Schaukel, Sandkasten und Rutsche. Günter Beltzig erschafft Spielwelten, die überall auf dem Globus zu sehen sind und denen man sich auch als Erwachsener nicht entziehen kann. Man möchte sich am liebsten reinstürzen ins Vergnügen, mitklettern, mitkrabbeln, mitplanschen.

Wo man einen echten Beltzig sehen kann? Zum Beispiel gleich um die Ecke im Deutschen Museum in München. Da hat er 2002 das Wasserspiel im Kinderbereich entworfen. Im Playmobilpark Zirndorf steht das große Piratenschiff, made by Beltzig. Ansonsten empfiehlt sich schon ein Flugzeug, um vor Ort zu sehen, was der Mann sich in Deimhausen ausdenkt: die Play Area in der New Yorker „Hall of Science" (1997). Im Livingston Park in Puerto Rico der Spielpark (2001). Der Spielbereich im Fidenza Village, Italien (2003). Die Play Area im Princess Diana Memorial Parc in London (2001). Schon Geschichte ist das Spielgelände zur Expo 1997 in Lissabon. Überall Beltzig. In Frankreich, in Dänemark, in Holland. Und in Deimhausen.

Einer der bekanntesten Entwürfe von Günter Beltzig ist das rote Karussell aus dem Jahr 1973

 

Es geht rund und rund. Du gibst Schwung, du nimmst den Schwung mit. Es dreht sich, bis es dich dreht. Du fühlst die Bewegung. Du siehst, wie die Welt um dich herum zu fliegen beginnt, bis du ganz kirre bist im Kopf.

Legst du die Hände auf den Sitz, fühlst du die Wärme, die Härte und die Weichheit zugleich, fühlst du die Schönheit der Form. Rund, glatt. Die Fliehkraft drückt dich in den Sitz und rot ist er auch noch. Knallrot. So richtig rot, eben.

 

 

 

Stuhl "Floris" (vorne links) und hinten als Mater sowie einige weitere Kunststoffmöbel, die in den 60ern und 70ern für Aufsehen sorgten.

  Hier befindet sich die Wiege dessen, was weltweit Zeichen setzt: der Kopf von Günter Beltzig, der gute Geist und die Inspiration seiner Frau Iri, ein Atelier, jede Menge Papier, Stifte und Zettel und ein riesiges, weltweit vermutlich einzigartiges Spielplatzbauer-Versuchsgelände.

Du gehst den Hügel rauf und tauchst ein in eine andere Welt. Links kreisförmig angeordnete, ergraute Sitze mit hohen Lehnen um eine Feuerstelle herum. Wie eine Kultstätte, wären sie nicht aus Zement. Du bist versucht, dich in die Mitte zu stellen. Laut zu schreien. Das Echo schnarrt aus allen Himmelsrichtungen zurück. Du gehst den Berg rauf, ein kleiner Hügel wie ein Grab. Der Blick öffnet sich, du fühlst dich frei. Jetzt ein kleiner Abstieg, kein Höhenmeter Unterschied – und doch geht es abwärts in die dunkle Tiefe. Der Weg führt auf einem kleinen Wall um eine Arena herum. Du musst runter und bist plötzlich vom Wall umgeben. Stimmung, Geräusche, alles ist jetzt anders, und langsam fängst du an zu verstehen.

Günter Beltzig will hier herausfinden, wie Akustik, wie Umgebung die Stimmung beeinflusst. Vor Jahren hat er auf seinem Grundstück am Ortsrand vom Bulldozer unterschiedliche Umgebungen zurechtschieben lassen: Hohlwege, Hügel, eine kleine Arena. Mittlerweile ist alles zugewachsen. Indem er Steine auf einem Hang anordnet, versucht er herauszufinden, wie etwas geplant zufällig aussieht. Und es ist verdammt schwer, nicht wieder in ein Muster hineinzugeraten. Doch das scheinbar Zufällige ist es, was zum Spielen animiert.

Hier kannst du nicht einfach durchschlendern. Du musst einfach herumspringen. Die Steine wollen beklettert werden. Dann links runter rennen in den Wald, wo sich ein kleiner Pfad durch die Bäume hindurchschlängelt. Wieder ändert sich die Stimmung. Die hohen Bäume, das fahlere Licht, der andere Klang der Stimmen, die weicheren Tritte auf dem nachgiebigen Waldboden. Jetzt rennst du nicht mehr. Jetzt gehst du, atmest durch, beugst dich intuitiv leicht nach vorn, um dich vor den Ästen zu schützen. Und du richtest dich unwillkürlich auf, wenn du am letzten Baum vorbeigegangen bist und sich vor dir unvermutet eine fettgrüne, saftige Wiese in all ihrer Weite öffnet. Und du holst tief Luft, du fühlst dich frei. Frei und gereinigt.

"Was ist denn das, Spielen?" fragt Günter Beltzig, weil er gerade den Ketzer gibt schelmisch blinzelnd. Spielen ist .. ja, was? Planlos Spaß haben? Sich sinnfrei beschäftigen? Was denn? „Spielen ist", sagt Günter Beltzig – und er legt eine kleine Sprechpause ein, damit die Worte noch klarer im Räum stehen –, „wenn du das tust, was eigentlich verboten ist. Wenn du machst, von dem die Erwachsenen sagen: Mach das nicht! Lass das!"

 

 

 

Also das genaue Gegenteil von Pädagogik? Hui, da wird er aber erst richtig ketzerisch, der Herr Beltzig: „Pädagogik ist die Lehre, die beschreibt, wie wir Erwachsenen mit Kindern umgehen sollen, damit die Kinder so werden, wie wir Erwachsenen glauben, dass Kinder sein sollen." Rumms. Das hat gesessen.

Hier steht er also, der Lenßen, der Edel & Stark in einer Person – der Anwalt der, Kinder. In T-Shirt, Jeans, Jesuslatschen. Der 63-Jährige, der Spielplätze, ja Spielwelten so gestaltet, dass Erwachsene sie für pädagogisch wertvoll halten und Kinder trotzdem ihren Spaß haben. Das geht? „Das geht", sagt Günter Beltzig und grinst sein schelmisches Beltzig-Grinsen.

Heute kann er grinsen, aber das war nicht immer so. Denn für den Maschinenschlosser aus Wuppertal, der seine Vision hatte, lief längst nicht immer alles rund. Anfangs schon: 1962-66 Industriedesign-Studium, dann Jahre in der Designabteilung von Siemens, München. Nebenbei, 1967, der große Wurf, sein Kunststoffstuhl „Floris".

„Der absolute summit. Die Spitze dessen, was jemals im Stuhldesign von sich gegeben wurde. Da kommt nichts mit in der Welt. Der hat eine Sitzfläche, der hat eine Nierenstütze und sogar eine Nackenstütze, und das hat kein Stuhl in der Welt. Und das in eine elegante Form gebracht". Das sagt heute Luigi Colani über den Floris-Stuhl seines Kollegen. Und auch dies: „Ich war damals außer mir vor Schreck als ich das Ding sah. Ich dachte: Warum haben mir diese Lümmel vorgegriffen?"

Diese Lümmel, das war nicht Günter Beltzig allein. Das waren die Beltzig Brothers, die Kunststofffirma Brüder Beltzig Design. Günter als Designer, Bruder Ernst als Produzent, Bruder Berthold als Vermarkter. Doch die Kunststoff-Ära, der Plastik-Boom ging zu Ende, mit ihr die Firma. 1976 bricht alles zusammen: „Die Brüder Beltzig habe fertig."

Schwere Zeiten für den Designer. Neue Wege muss er gehen. Sich von Träumen verabschieden. Einige dieser geplatzten Träume stehen noch heute auf seinem Grundstück herum. In Bunt, in Plastik, teilweise nur Matern. All die Entwürfe für weitere Plastikmöbel, zu denen es nicht mehr kommen sollte. Wie zum Beispiel die Sitzgruppe „Auberge" von 1971.

Mitten im Garten dieses grüne Ungetüm. Ein Tisch, vier Sitze in der Form des mächtigen Leviathans und doch aus einem Guss. Vor dir Deimhausen, hinter dir das idyllische Haus der Künstler Beltzig, mittendrin bist du in ein Ungetüm hineingeschraubt. Es umgibt dich. Es umschlingt dich. Es packt dich. Es vereinnahmt dich. Es drückt sich von unten an dich.

 

Pan unterstützt die Waldstimmung.

 

 

 

Akustisches Versuchsgelände: Wie eine Kultstätte mutet dieser Grillplatz an. Die hohen Lehnen sorgen für merkwürdige Halleffekte.

  Relikte aus einer verlorenen Zeit. Die Architekturepoche damals war die Neo-Betonik, der Möbelbau West-Plaste. „Floris" ist heute ein Sammlerobjekt mit Austin-Powers-Anflügen. „Neulich ging in New York eines der wenigen noch existierenden Exemplare bei einer Auktion für mehr als 15 000 Dollar weg", sagt Günter Beltzig und zuckt die Schultern. Er hat nichts davon. Aber gefreut hat es ihn trotzdem.

1977 entsteht der Kontakt mit dem Spielgerätehersteller Richter in Frasdorf. Eine fruchtbare Zusammenarbeit, die bis heute andauert. Günter Beltzig wird mit seiner Firma beltzig-playdesign der Spielplatzexperte in der Welt. Er schreibt Bücher, Ratgeber, Leitfäden, hält Vorträge in Europa und Amerika. Im neuen Jahrtausend stellt er auch aus. 2002 zusammen mit Luigi Colani auch im Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt. „Experiment 70, Designvisionen von Luigi Colani und Günter Beltzig".

Und er kehrt immer wieder zurück nach Deimhausen, das ihm seit 1971 Heimat ist. Wo er mit seiner Frau Iri lebt und arbeitet. Wo die beiden Kinder zur Welt kamen. Wo viele seiner großen Arbeiten geboren wurden. Wo er Träume verwirklicht hat und immer neue Träume träumt.

Manchmal gehen die Gedanken weit über Spielplätze hinaus. Dann verbessert Günter Beltzig nicht nur Linien, Formen, Ästhetik in Verbindung mit Funktion, sondern nur die Funktion. Designed die Gesellschaft. „Weißt du", sagt Günter Beltzig mit dem verschmitzten BeltzigBlick und der intensiven Beltzig-Stimme, „Designer sind nun mal Weltverbesserer."

Eine Auswahl von Günter Beltzigs Arbeiten ist auch im Internet unter www.beltzig-playdesign.de zu sehen.

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