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Was macht einen guten Spielplatz aus?

 

Einer, der es wissen muss, ist Günter Beltzig.

 

Seit mehr als dreißig Jahren

arbeitet er als Spielplatz-

und Spielgerätedesigner

 

– und hat in dieser Zeit genau beobachtet,

 

was Kinder wollen und was nicht.

 

 

 

 

 

 

Der Krückenmacher

 

Günter Beltzig ist ein Mann der Superlativen. Er ist der berühmteste Spielplatz-Designer Deutschlands. Er hat an der Gestaltung von rund 3500 Spielplätzen mitgewirkt und an die 300 selbst entwickelt. Seit mehr als 30 Jahren ist er im Geschäft, berät Kommunen und Firmen bei der Gestaltung von integrativen Spielplätzen, entwickelt Spielsituationen in Städten und Gemeinden und entwirft Spielgeräte.

 

Zu finden sind sie in ganz Europa, von Dänemark bis nach Italien und selbst in New York ist Günter Beltzig vertreten. Hier, im Museum of Modern Art, sind seine Anfänge zu besichtigen. Stuhl Floris beispielsweise. Die markante Sitzgelegenheit hat ihm im Olymp der futuristischen 70er-Jahre-Designer einen Platz beschert und erzielt heute bei Versteigerungen mehr als 10.000 Euro.

 

Dass er dennoch keine Karriere als Möbeldesigner gemacht hat, lag an verschiedenen Umständen. Nach einer Maschinenschlosserlehre studierte er in den 60er Jahren an der Werkkunstschule in Wuppertal Industrie Design. Dann ging es als Designer in die Designabteilung von Siemens.

 

Zeitgleich gründete er mit seinen Brüdern eine Kunststofffirma. „Wir wollten Möbel herstellen, robuste Spielmöbel und Spielgeräte. Noch zu Hause, im Keller meiner Wuppertaler Wohnung, baute ich ein Gipsmodell von einer Rutsche, bei der Rutschfläche und Aufstiegstreppe aus einem Stück bestanden: doch der erste Prototyp zerbrach."

Davon aber ließ Günter Beltzig sich nicht abschrecken. Als er von einem Spielgerätehersteller beauftragt wurde, ein Gutachten zu erstellen, war die Leidenschaft endgültig geweckt. Und die hat ihn bis heute nicht mehr losgelassen.

 

Er hat im Laufe der Zeit viele Fehler gemacht, sagt er, aber auch viel gelernt und längst seine eigene Philosophie zum Thema Spielen und Spielplätze entwickelt. Dass bei ihrer Entwicklung beispielsweise Landschaftsarchitekten und Spielgerätehersteller dominieren, hält Beltzig für falsch. „Es wäre viel wichtiger, Entwicklungspsychologen zu integrieren, da sie die Bedürfnisse der Kinder viel besser einschätzen können", sagt er.

 

Zu Günter Beltzigs eigener Spielzeit hatten weder Spielgerätehersteller noch Landschaftsarchitekten noch Psychologen etwas mit dem Thema Spielen zu tun. In Wuppertal aufgewachsen, war sein Spielplatz die Trümmerlandschaft der Nachkriegszeit. „Es war ein wunderbarer Abenteuerspielplatz", sagt er heute, doch sieht er seine Kindheitserinnerungen mehr als kritisch. „Erinnerungen verändern sich, sie wachsen und haben mit dem tatsächlich Geschehenen am Ende nur noch wenig zu tun."

 

Deshalb mag er die Frage nach seiner eigenen Kinderzeit eigentlich ganz und gar nicht. Auch wenn andere von ihren kindlichen Spielerlebnissen sprechen, sie nostalgisch verklären und ihre Sätze mit „Früher haben wir ..." beginnen, regt er sich auf. „Es ist nicht relevant, wie man selbst früher gespielt hat."

 

Für Günter Beltzig liegt der Zugang vielmehr im Hier und Jetzt, im Beobachten. „Man muss wie ein Anthropologe an die Kinder herangehen", erklärt er und kritisiert erneut die Landschaftsarchitekten. „Die planen ihre Spielplätze weitab von den Bedürfnissen der Kinder und hinterher schimpfen sie, dass die Kinder kommen und alles kaputt machen".

 

Das aber liegt nicht an den Kinder, ist sich Beltzig sicher, sondern an den Planern. „Wenn Kinder etwas kaputt gemacht haben, dann hat man als Planer etwas falsch gemacht." Vandalismus beruht für Beltzig neben der falschen Planung auch auf dem Einsatz der falschen Materialien: Zu leicht, zu dünn, zu billig oder das richtige Material bei der falschen Benutzergruppe und umgekehrt.

 

 

 

 

 

Platz für Alphatierchen

 

Für Kinder zu planen heißt für Beltzig zuerst einmal, die Perspektive zu wechseln, die bei Kindern schon allein durch ihre Körpergröße eine andere ist. Ein Erwachsener schaut von oben auf einen Tisch, ein Kind betrachtet ihn von der Seite.

 

Dann sind die sozialen Interaktionen von Kindern wichtig - auch und gerade auf einem Spielplatz. Gibt es beispielsweise ein Gerät, wo sich das „Alphatierchen" austoben kann? „Alphatierchen müssen sich produzieren. Wenn sie das nicht können, machen sie etwas kaputt oder reagieren sich an anderen ab", weiß Günter Beltzig aus vielen Stunden, die er mit dem Beobachten von Kindern auf Spielplätzen zugebracht hat.

 

Diese Stunden haben ihn auch gelehrt, wie wichtig es für Kinder ist, eigene Erfahrungen zu machen. Doch gerade das, glaubt Beltzig, ist auf modernen Spielplätzen nicht mehr möglich, wofür er das heutige Leistungsdenken verantwortlich macht. „Gerade nach den Ergebnissen der PISA-Studie, geht es vor allem darum, Kinder zu Leistungsträgern zu machen. Wir drücken den Kindern etwas auf. Und genauso sind unsere Spielplätze."

 

Doch wie muss ein Spielplatz beschaffen sein, um den Bedürfnissen und Ansprüchen von Kindern gerecht zu werden? Das ist eine Frage, die sich so leicht nicht beantworten lässt. Oder vielleicht doch. Der beste Spielplatz ist der, der erst gar nicht gebraucht wird. „Wenn Kinder mit allem und überall spielen könnten, bräuchten wir weniger Spielplätze", ist Beltzig sich sicher.

 

Da dies aber nicht der Fall ist, macht er eben das Beste daraus. Für Beltzig fängt das mit der Lage eines Spielplatzes an, die für ihn viel wichtiger ist als die Einrichtung. „Es gibt mehr Unfälle auf dem Weg zu einem Spielplatz als auf Spielplätzen selbst", führt er Statistiken an, die seine Einschätzung belegen.

 

Zur Lage gehört auch, wie das soziale Umfeld aussieht. Ein Problemstadtteil braucht einen anderen Spielplatz als ein gehobener Wohnvorort. Hier brauche man einen Platz, wo sich Jugendliche treffen könnten. Für die Kinder sei dort in der Regel gesorgt.

 

Jedes Haus habe einen Garten und damit auch Platz, wo Kinder spielen könnten. Wo aber treffen sich in solchen Wohngebieten die Jugendlichen Tun sie es auf der Straße, werden sie schnell als Störenfriede empfunden. Gehen sie weiter hin auf den Spielplatz, den sie schon als Kind besucht haben, sind sie dort auch nicht mehr willkommen. „Wichtig ist deshalb die Gesamtabstimmung.

 

Einen Spielplatz als isoliert Einrichtung zu sehen, ist ganz schwierig", weil Beltzig. Das Ergebnis ist bekannt: Spielplätze auf denen gähnende Leere herrscht oder Plätze, auf denen Jugendliche das Kinderkarussel in Beschlag genommen haben.

 

 Erstmals durch den TÜV

 

Auch was die Spielgeräte angeht, hat Günter Beltzig klare Vorstellungen: Je weniger, desto besser. Er hat es sogar fertig gebracht, Spielplätze ganz ohne Spielgeräte zu entwickeln Das Problem aber war: Es kam niemand. Weder die Kinder noch die Eltern.

 

Ähnlich ging es ihm mit einer BMX-Bahn, die er im Ruhrgebiet auf einem brachliegenden Gelände eingerichtet hatte. Erst als er im Eingangsbereich eine Rutsche aufgestellt habe, sei der Platz akzeptiert worden. Spielen kann man eben nur, wo es Spielgeräte gibt. Eine Einstellung, die Günter Beltzig ganz typisch findet für unsere Zeit.

 

Die wenigen Geräte, mit denen Beltzig schließlich seine Spielplätze ausstattet, sind weniger Spielgeräte als vielmehr „Katalysatoren". Sie sollen den Kindern die Möglichkeiten geben, ihre Phantasie auszuleben, sollen für Deutungen offen sein und Spiele auslösen. „Wichtiger als die Spielgeräte sind die Spielsituationen, die sie ermöglichen."

 

So hat Beltzig in einem Projekt zwei Hügel geschaffen und sie mit einer Hängebrücke verbunden. Damit sei das Spielgerät kein Selbstzweck mehr, sondern ein Stück der Landschaft geworden.

 

Die Phantasie anregen, dass können Schaukel und Co. nach Beltzig Ansicht kaum. Seine Wasserlandschaften hingegen schon. In ihnen sollen Kinder mit eigener Kraft das Element Wasser erkunden. Dazu gibt es Schöpf- und Stauanlagen, Wasserräder und die berühmte archimedische Schraube.

 

Die hat Beltzig zwar nicht erfunden, aber es ist ihm als erster gelungen, sie durch den TÜV zu bringen. Dreht man an ihr, lässt sich mit ihr Wasser oder Sand nach oben transportieren. Mit dem Element Wasser arbeitete Beltzig auch bei der Gestaltung des Spielplatzes auf der Landesgartenschau in Trier 2004. Noch heute lockt Beltzigs terrassenförmig angelegter Wasserspielplatz mit seinen Rinnsalen, Wasserrädern und Pumpen die Kinder an.

 

Eingeschränkt wird er bei seinen Planungen nicht von seiner Phantasie, sondern von den EN-Normen. Die hält er grundsätzlich für äußerst sinnvoll, zumal er selbst einige Jahre im Ausschuß „Behindertengerechte Spielgeräte und Einrichtungen" saß. „Die Normen haben die Qualität verbessert und die regelmäßige Wartung und Pflege vorgeschrieben." Dennoch ist er sich sicher, dass die Normen die Spielgeräte letztlich nur um rund 10% sicherer machten, während 90% der Unfälle auf das Verhalten zurückgingen und an dem könnten noch so durchdachte Normen nichts ändern.

 

 

 

 

 

Beispiel Absturzhöhe: Die sei im Laufe der Jahre von 100 auf 60 cm reduziert worden. Zudem müssten absturzgefährdete Bereiche heute mit einem Handlauf gesichert werden. „Doch genau diesen Handlauf nutzen die Kinder zum Spielen, womit die Sicherheitsmaßnahme zum Risiko wird", kritisiert Beltzig. Wichtiger, als Normen auszuarbeiten, sei es letztlich, Gefahren eindeutig zu machen. „Kinder müssen Gefahren erkennen können", sagt Beltzig und genau das sei oftmals nicht der Fall.

 

Auch die Landschaft ist ein ganz wichtiger Teil seiner Planungen. „Durch die Landschaftsmodellierung muss eine Atmosphäre entstehen, die die Kinder anregt." Und, ebenfalls ganz wichtig, es muss genügend Platz vorhanden sein. Natürlich habe man in Städten nicht die gleichen Möglichkeiten wie auf dem Land. Wichtig aber sei es dennoch, keine zu kleinen Flächen zu nehmen.

 

Zufrieden ist er am Ende mit seinen Planungen trotz all seiner Überlegungen dann meist doch nicht. Er habe viele schöne Spielsituationen geschaffen, aber keinen wirklich guten Spielplatz, sagt Beltzig selbstkritisch. Diese Selbstkritik hat ihm nicht selten den Ruf eingebracht, ein Pessimist zu sein. Als solchen sieht sich Beltzig allerdings ganz und gar nicht. „Durch das kritische Hinterfragen meiner Arbeit bleibe ich kreativ.

 

Ein Designer muss selbstkritisch sein und immer wieder nachhaken." Aber selbst wenn er das tut, bleibt für Beltzig eins unbestritten: „Ein Spielplatz ist eine Krücke, die wir für die fehlende Kinderfreundlichkeit in unserer Gesellschaft haben." Kein Grund allerdings zu resignieren, so lange es Menschen wie Günter Beltzig gibt: „Ich bin der Krückenmacher", sagt er, „also versuche ich sie so gut wie möglich zu machen."

 

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