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Fotos: privat, Rambeck

Nutz- und Kunstobjekte sind das Ziel

Von Brigitta Rambeck

 

 

 

 

Günther Beltzig, Jahrgang 1941, versteht sich als Künstler und Praktiker zugleich. Nach seiner Ausbildung an einer Werkkunstschule in Wuppertal siedelte er 1965 nach München über, wo er 41/2 Jahre lang in einem Konzern als Gestalter tätig war.

 

Da im industriellen Herstellungsprozeß Funktions-Entwicklung und Gestalt-Gebung von Gebrauchsgegenständen notgedrungen von verschiedenen Ressorts bearbeitet werden und somit die Leistung des Gestalters weitgehend auf das dekorative Tüpfelchen auf dem i reduziert ist, setzte Beltzig von 1970 an seine Tätigkeit freiberuflich fort.

 

Nicht die gängige, gefällige »Verpackung« alltäglicher Gegenstände in zeitgemäße Form, sondern die Harmonisierung von Zweckmäßigkeit und persönlich geprägter Formschönheit in den von ihm geschaffenen Nutz- und Kunstobjekten ist das Ziel seiner selbstgestellten Aufgabe.

 

Günther Beltzig versteht sich als »Funktions-Künstler«, der Kunstwerke mit Gebrauchswert, konkret: Spiel-Plastiken, Sitz-Plastiken, Wohn-Plastiken etc. schafft. »Wir sollten uns wieder darauf besinnen, daß Kunst primär etwas dem Menschen Nützendes, Dienendes, den Menschen Bereicherndes war und sein sollte.

 

Kunst ohne jeden »Zweck« kann sich über Beuys' »Butter auf den Stühlen« oder »Löcher in Museumswänden« nur noch ins Aberwitzige, Menschenfeindliche steigern.« (Beltzig)

 

 

 

 

 

Solchermaßen elitär, losgelöst vom lebendigen Austausch mit dem konkreten Dasein der Zeitgenossen kann Kunst bestenfalls noch Zeit-Zeichen sein, sie vermag aber gewiß nicht, Brücken zu schlagen und schöpferisch beizutragen zur Umgestaltung der immer heilloser werdenden modernen Wirklichkeit.

 

»Zerstaltete Umwelt« und »ver-staltete Natur« (Beltzig) geben Zeugnis von diesem Schisma zwischen Kunst und Technik, durch das die Kunst in den luftleeren »Freiraum« der Zweck- und Funktionslosigkeit abgeschoben wurde und die Lösung von Funktionsproblemen allein dem Techniker überlassen blieb.

 

Haben wir vergessen, daß »Kunst« von »Können« kommt – oder umgekehrt – daß der ursprüngliche Begriff der »τέχνμ« den gesamten Bedeutungskreis »handwerkliche Kunstfertigkeit – geistige Gewandtheit – Kunst« umschließt?

 

Die moderne Gebrauchs-Architektur, die in breitem Maße bestenfalls noch »Kunst am Bau«, nicht aber »Bau-Kunst« bietet, demonstriert am sinnfälligsten den zeitgenössischen Bruch zwischen Zweck und Gestalt, der das Bild unserer heutigen Objekt-Welt ganz allgemein beherrscht.

 

Die psychischen Auswirkungen dergestalt funktionsorientierter Umweltplanung im Großen wie im Kleinen sind bereits Gemeinplatz. Erstaunlich ist eine solche Entwicklung gerade in unserem Zeitalter, das Materialien und Verarbeitungstechniken zur Verfügung hat, die kühnste Träume kreativer Gestaltung Wirklichkeit werden lassen könnten.

 

Günther Beltzig, der übrigens in einer Reihe von Veröffentlichungen und während seiner langjährigen Lehrtätigkeit an einer Münchner Schule für Innenarchitektur und Graphik sein Anliegen auch theoretisch formuliert und vermittelt hat, versucht nun in seinen Entwürfen, die verlorene Einheit von Funktionalität und Formgebung wiederherzustellen.

 

Mit den verschiedensten Werkstoffen wie Holz, Gips, Metall und vor allem Kunststoff schafft er Gegenstände des Alltags, die bei aller gestalterischen Qualität auch in hervorragender Weise ihrem Verwendungszweck dienen. So stehen als Blickfang und Kinderattraktion Spielberge und Spiellandschaften auf fünf Münchner Spielplätzen.

 

Trotz eigenwilliger bis skurriler Formgebung sind Beltzigs Sitz-Plastiken auf anatomisch richtiges, bequemes Sitzen hin konzipiert. Eine Auszeichnung nicht nur der künstlerischen Qualitäten, sondern auch eine Anerkennung des technischen und handwerklichen Könnens ihres Schöpfers bedeutete die Aufnahme seiner »Tisch-Sitz-Plastik« aus Kunststoff in die ständige Ausstellung Technischer Chemie des Deutschen Museums.

 

Zur Zeit experimentiert Beltzig mit Wohnlandschaften aus Mauerwerk und Gips, die spontan als bewohnbare Kunstwerke begriffen werden können.

 

Wollte man das Werk dieses eigenwilligen »Wahl-Bayern« auf eine knappe Formel bringen, so ließe sich von praxisbezogener Kunst zur Schaffung einer Lebens- und liebenswürdigeren Umwelt sprechen.

 

 

 

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