Presse

     

 

Günter Beltzig und einige Highlights seiner Kunststoff-Kollektion. Von links: »lilac«, 1976; »fllius«, 1974;

Olympiasitz, 1969; »floris«, 1967; »floris«-Tisch, 1967; »floris«-Hocker, 1967; »pegasus«, 1976;

Kinderhocker und Kinderstuhl 1966.

 

KUNSTSTOFFDESIGN

GÜNTER BELTZIGS MÖBELOBJEKTE

Von Karl Ruisinger

 

 

 

 

 

Wenn mich einer fragt, was mir denn zum Thema »Späte 60er, frühe 70er Jahre« so alles einfällt, dann verdichtet sich eine Menge kurioser, ungeordneter Erinnerungsfetzen zu einem grellbunten Nostalgiepuzzle:

 

geschmacklos-großgemusterte Pop-Tapeten an viel zu kleinen Jugendzimmerwänden als stimmig-zweifelhafter Background für Che Guevara, der zwischen sterbenden Vietnamsoldaten, jointrauchenden Hippie­Leuchtfarben-Afrolook-Mädchen und Amon Düül ein geduldiges Posterdasein fristet.

 

Flower Power und Kreppapierblumen, bunt und leicht verstaubt. Emma Peel und Vivi Bach. Schwabing und Studentenrevolte, Kommunen und »Helga«, freier Sex und spießbürgerliche Schamröte. Figurbetonende, unkleidsame Rollkragenpullis und lange, mittelgescheitelte Haarmähnen.

 

Aus der Braun-Lautsprecherbox im zeitgemäßen Design swingt ein Psychedelic-Reißer von Status Quo: Hey, look up to the sky, what see your eyes? A funny kind of yellow.

 

A funny kind of yellow, besser gesagt: schreiendes Orange - gepaart mit leicht muffigem Dunkelbraun - die bevorzugte Farbgebung im Wohnambiente, für progressive Möbellandschaften und unsägliche Kunststoffaccessoires.

 

»floris«, 1967

 

Verblüffende Ansichten des »floris«-Stuhls (1967), nach seiner floralen Form benannt: von vorne...

 

 

Wenn mir einer sagt, es gäbe da einen Trend, der uns nicht nur die Kleiderschränke, sondern auch die Sammlervitrinen mit Relikten und Hommagen aus/ an jene(r) knallig-freche(n) Zeit füllt, siegt erst mal die Entrüstung: Was!

 

Genügt es nicht, daß uns das Revival der Fifties gestylte New Wave und billig­konservativen Wohnzimmermief zurückgebracht hat? Werden uns jetzt auch noch Plateausohlen und Plastikschrott beschert und als »antike« Kulturheiligtümer erneut vor die Nase gesetzt?

 

Halt! meldet sich dann aber eine ganz andere, innere Stimme. Haben wir uns damals insgeheim nicht wohler gefühlt in einer Zeit, die soviel hoffnungsvoller war und optimistischer? Vor gut 20 Jahren - konnten wir damals nicht noch unseren Idealen Flügeln wachsen lassen, Traum- und Luftschlösser bauen und in ihnen mit unserer Kreativität die Welt verbessern?

 

Es gibt vieles zurückzuholen aus den »Swinging Sixties«, es gilt vieles neu zu entdecken aus den »Roaring Seventies«: Hey!  Look up to the Sky.

 

*****

 

Der Himmel über Deimhausen

 

I

 

Hoch ist der Himmel über Deimhausen, und in seinen - mit ländlichem Duft angereicherten - Lüften tanzt eine flirrend-irritierende Brise von Zauber und Geheimnis; ein Hauch, wenn nicht aus einer anderen Welt, so doch aus einer, die man gemeinhin nicht mit dörflich-bäuerlichem Charakter in Verbindung bringt.

 

Der oberbayerische Flecken Deimhausen - nördlich von München gelegen und südlich von Ingolstadt, idyllisch eingebettet ins Tal der sanften Hügel und Inbegriff für traditionelles Landleben.

 

Ein Wirtshaus gibt es dort, eine Kirche natürlich, und am Dorfrande, ganz am Ende des Kirchberges, ein kleines »Wolkenkuckucksheim«, am höchsten Punkt des Ortes, dem Himmel am nächsten.

 

Freiheit atmet es, Ruhe strahlt es aus, das liebevoll instand gesetzte Bauernhäuschen aus den 30er Jahren, Naturverbundenheit auch, wie es sich da an die - teils baumbestandenen, teils grasbewachsenen - Hänge eines parkartigen, paradiesischen Gartens lehnt.

 

 

... von oben überrascht das grazile Sitzmöbel mit weiblich-erotischen Formen...

 

Drei Twens machen Möbelmode«. So sah der Prospekt aus, mit dem sich Günter, Ernst und Berthold Beltzig auf der Kölner Möbelmesse im Januar 1968 vorstellten.

 

 

Die Kinder der benachbarten Ortschaften suchen diesen Garten gerne auf, aber auch Erwachsene und Junggebliebene, Kunstfreunde und Nostalgiker, Kreative und Schwärmer - und neuerdings auch Sammler - zieht es immer wieder hierher.

 

Denn die skulpturhaften Kunststoffobjekte - Stühle und Tische, Sitzgruppen und Pavillons - die als magische Fixpunkte den Garten in einen surrealistisch anmutenden Erlebnishain verwandeln, reizen nicht nur zum Rumturnen, Klönen oder Verweilen.

 

Sie führen auch den, der jenen Hauch des Außergewöhnlichen wittert und seiner Fährte folgt, direkt in ein Wunderland aus einer fernen Zeit, aus der Pop-Ära, in der so vieles möglicher war und in der so vieles gemacht wurde.

 

Berühmt-berüchtigte Schockfarben waren es einmal gewesen, die Rot-, Orange-, Gelb- und Grüntöne, die verstohlen hinter Blattwerk hervorschimmern, uns wie selbstverständlich aus Winkeln und Nischen fröhlich entgegenleuchten.

 

»Shocking« sind sie heute kaum mehr, vielleicht, weil wir uns längst an ihre Intensität gewöhnt haben, vielleicht auch, weil der Zahn der Zeit - sprich die Natur - doch ein wenig an ihrer glatten, an sich witterungsfesten Plastikoberfläche geknabbert hat.

 

Wie auch immer: quicklebendig stehen sie uns nach wie vor gegenüber, die Überbleibsel einer einstmals neuen Möbelgeneration, des »Kunststoffuturismus«, der die Designer der 60er/70er Jahre beflügelte, um mit utopischen Möbelentwürfen den Wohnvisionen des nächsten Jahrtausends Gestalt zu verleihen.

 

 

. . . und von der Seite. Im September wird es eine Neuauflage von 100 Stück in signalroter Farbe geben.

 

Poly-Bel-Twen-Kollektion wurde im Januar 1968 auf der Internationalen Möbelmesse in Köln angeboten: »floris«-Stuhl in Orange, »floris«-Tisch und -Hocker in Gelb. Auf dem Foto fehlt der »floris«-Stuhl in halbhoher Ausführung. Die eingeformten Kanäle lassen das Regenwasser ablaufen.

 

Die Geschichte von Günter, Ernst, Berthold und Iri

 

Szenenwechsel. Wir schreiben das Jahr 1966, und über unserer Geschichte stehen die Buchstaben BB - nicht etwa für Brigitte Bardot, die in jenen Jahren ebenfalls Furore machte, sondern für drei putzmuntere Burschen aus Wuppertal, »Twens« ihrer Zeit: die Brüder Beltzig.

 

Und wenn wir an die beiden Bs ein D hängen, dann steht es nicht nur für Design, sondern es verrät uns auch, in welcher Sparte die drei sich vorgenommen hatten, die Popularitäts­ und Erfolgsleiter zu erklimmen.

 

1966 also hatte der älteste der drei Brüder, Günter mit Namen und 25 Jahre jung, gerade sein Studium an der Werkkunstschule Wuppertal als diplomierter Industrie-Designer erfolgreich abgeschlossen, nachdem er zwei Jahre zuvor schon bei einem Kunststoffwettbewerb der BASF, Ludwigshafen, mit dem ersten Preis für eine neuartige Zitronenpresse seine gestalterischen Fähigkeiten unter Beweis gestellt hatte.

 

 

Ernst Beltzig, ein Jahr jünger, gelernter Schreiner und der »Handwerker« in der Drei-Männer­Riege, fing gerade an, mit neuen Kunststofftechniken zu experimentieren. Und Berthold, der jüngste, an der Schwelle zwischen Teen und Twen, startete gerade als Werbekaufmann ins Berufsleben. Gemeinsam Ideen verwirklichen, lautete ihre Devise.

 

»Jetzt. Nicht erst nach einem viele Jahre dauernden Kampf durch die Hierarchie einer fremden Firma«.

 

Mit Günter Beltzig als »Seniorchef« wurde die Kunststoffirma Brüder Beltzig Design ins Leben gerufen, in der Berthold für den geschäftlichen, Ernst für den technischen und Günter für den gestalterischen Part zuständig waren.

 

Auf der Suche nach menschengerechten Lebensräumen entwickelten die drei ihre Vorstellungen von einer praxisbezogenen Kunst zur Schaffung einer lebens- und liebenswürdigen Umwelt.

 

Das erste Ergebnis hierzu war eine Serie von Kindermöbeln und Spielgeräten aus Polyester, bestehend aus Stuhl, Hocker, Tisch, Rutsche, Wippe und diversen Schaukelwannen in knallig-lustigem Blau, Rot, Orange oder Grün.

 

Schreib- und Lesepult »pegasus« mit angeformtem Sitz (1976), Frontalansicht

 

 

»pegasus« gab's in Rot und Hellgrün und wurde nach dem geflügelten Pferd benannt.

 

Es war eines der ersten Kindermöbelprogramme aus Kunststoff überhaupt und Grundstein für die spätere Poly-Bel-(Poly­ester-Beltzig-) Kollektion mit ihren Wohn-, Sitz- und Spielplastiken, den »Kunstwerken mit Gebrauchswert«.

 

Diese Möbel - in damals modernster Formgebung und geringstem Gewicht entwickelt - wurden in einem als revolutionär bezeichneten Verfahren hergestellt, das weltweit Aufsehen erregte: Über eine Rohform aus Gips oder Holz werden stoffdünne Glasfasermatten modelliert, mit Kunstharzverklebt und dann wieder von der Form abgenommen.

 

Eine spätere Variante der Produktion mit aus Kunstharzen getränkten Polyestergeweben war das Faserspritzverfahren: Mittels einer Spritzpistole wird ein Gemisch aus Kunststoff und zerhackten Glasfasern auf die Form aufgesprüht und später farbig lackiert.

 

Der erste Kunststoffstuhl, der aus einem Stück in einem Arbeitsgang produziert worden war, stammt freilich nicht aus der Beltzig-Trickkiste; es war der Stapelstuhl (1966) von Helmut und Alfred Bätzner, der es in der Folgezeit zu einer Auflage von etwa 1,5 Millionen Exemplaren brachte.

 

 

Die Beltzig­Boys lagen jedoch mit ihren Polyester-Wohnobjekten voll im Trend. Kunststoff war in. Zum einen, weil er ökonomisch in der Verarbeitung war, die Erzeugnisse vollwitterungssicher - ohne Rosten, Verfaulen, Schimmeln - und sitzsympathisch. Zum anderen kam er den künstlerischen Gestaltungstendenzen der Zeit entgegen. Kunststoff - das war nicht nur willkommener Billigersatz, Imitationsgrundlage für »edle« und gediegene Materialien wie etwa Holz.

 

Kunststoff entwickelte ein ausgeprägtes Selbstverständnis. Neuzeitliche Industrieformen und moderne Stilelemente der späten 60er Jahre gehen Hand in Hand mit einem Zauberwort: Pop-Art. »Mehr Farbe ins Heim« lautete der junge Slogan.

 

Und die Möbelbranche setzte auf eine »shocking« Farbexplosion aus Rot-, Grün-, Gelb-, Lila- und Blautönen, die der Kunststoff -glänzend und matt - wirkungs­voll in Szene setzte. Mit dem »Wohnpop« vollzogen die »jungen Leute von heute« die Revolution im Wohnzimmer.

 

Der neu geprägte Begriff der Wohnlandschaft, der bewußt die natürliche, organische Komponente des Wohnens betonte, ist untrennbar verknüpft mit Möbelelementen aus Polyester oder Pappe, aus Schaumstoff oder zum Aufblasen.

 

»lilac« (1976) wurde mit geschwungenen und geraden Beinen sowie als Drehstuhl hergestellt.

 

 

Der Kinderstuhl, mit dem alles begann. Der Klassiker von 1966 steht im
Museum Neue Sammlung, München.

 

Das neue Lebensgefühl aus Protest und Umsturz, aus Zukunftsglaube und Optimismus fand seine Ausdrucksform in einem Wohnambiente mit aufrüttelnder Farb- und Formensprache: »Der Glaube an die Machbarkeit der Zukunft beflügelte in diesen Tagen die Formgebung und gab dem Einsatz von Kunststoff Sinn« (Albrecht Bangert).

 

Phantasievolloptimistische Kunststoffmöbelentwürfe, floral oder erotisch angehaucht, polyfunktional mit einer Vielzahl an Kompositionsmöglichkeiten, gaben sich denn auch auf der Internationalen Kölner Möbelmesse 1968 ein erwartungsfrohes Stelldichein, um aufzufallen, einzuschlagen, einer großen Zukunft in der Möbelindustrie entgegenzusehen und dort Neuland zu erobern.

 

Auch unsere Beltzig-Jungs hatten ähnlich geartete Pläne: 1967 entwarf Günter einen Stuhl, der das Augenmerk der Fachwelt und Verbraucher auf sich ziehen sollte. In der »Fabrik« der Brüder Beltzig Design, einer ehemaligen Reparaturwerkstatt in einem Wuppertaler Hinterhof, arbeitete Bruder Ernst emsig an der Realisierung, während Berthold unter dem Titel »Drei Twens machen Möbelmode« einen Firmenprospekt verfaßte, der die Poly-Bel-Twen-Kollektion als »Ergänzung der bereits international bekannten Poly­Bel-Kindermöbel-Serie« vorstellte:

 

 

»Diese Möbel sind bequem wie Fernsehsessel, robust wie Gartenmöbel, leicht, aber stabil, wetterfest und von skurriler Form, entworfen und gebaut für jene Verbraucher, in deren Nietenhosen die Kaufkraft von acht Milliarden D-Mark steckt«. Die neue Kollektion gruppierte sich um jenen Stuhl, der den Beltzigs ein Stück vom großen avantgardistischen Kuchen der Zeit abschneiden sollte.

 

Im Januar 1968 standen die drei Brüder in seriösen Anzügen in den Hallen der Kölner Möbelmesse, verteilten ihre Firmenprospekte an ein internationales, sachkundiges Publikum und präsentierten - bang und stolz zugleich - ihre neue Kreation, auf deren grazilen Schultern gewichtige Hoffnungen ruhten.

 

Wenig später war der Stuhl, wegen seiner pflanzenartigen, blumigen Form »floris« getauft, in aller Munde, die Beltzig-Firma bei Möbelhändlern, Möbelherstellern, Architekten und Designern über Nacht bekannt. Der floris-Stuhl gelangte zu internationalem Ansehen, fand Interessenten in den USA und Kanada, in England, Schweden und den Niederlanden.

 

Banausen und Konservative honorierten die gestalterische Leistung zwar mit spöttischem Gelächter, aber der surrealistische Entwurf, utopisch und skulpturenhaft, zweifellos dem Sixties-Look verpflichtet, aber dennoch von eigenständig-zeitloser Schönheit und Raffinesse - er fand die volle Zustimmung der Avantgardisten.

 

1969 wurde dieser Stuhl für die Sitzreihen des Münchner Olympiastadions konzipiert. Der Entwurf mit Beckenstütze und Belüftungsschlitz in der Sitzmulde wurde letztendlich nicht realisiert, hat aber bei den Stühlen des Stadions entschieden Pate gestanden.

 

 

Vorderansicht der Sitzgruppe »auberge«, Entwurf 1971, eine stapelbare Tisch-Sitzkombination.

 

Das dreibeinige, skurrile Gebilde zum Sitzen in zweischaliger Form verfügte über einen Sitz mit Luftkanal, der Regenwasser ablaufen ließ und den Stuhl somit auch für Cafeterrassen, Balkone oder Gärten ideal verwendbar machte.

»floris«, dessen Sitz- und Stützflächen auf ein Minimum reduziert waren und der über bequeme Becken- und Nackenstützen verfügte, gab es in roter und orangefarbener Lackierung.

 

Im Gegensatz zu den meisten früheren und späteren Möbeln der Poly-Bel-Kol­lektion wurde »floris« in einem aufwendigeren Verfahren produziert mit zwei Formen, die naß zusammengepreßt wurden. War das »floris«-Programm - zu dem auch noch ein halbhoher Stuhl, Tisch und Hocker zählten - gestalterisch ein großer Wurf, so blieb es geschäftlich eher ein Flop.

 

Ähnlich vielen anderen avantgardistischen Kunststoffmöbelentwürfen jener Zeit, die oftmals nur in Prototypen verwirklicht wurden, erreichte der »floris«-Stuhl nur eine geringe Auflagenstückzahl.

 

Traditionell orientierte Käufer machten um Kunststoffmobiliar eher einen Bogen, von den jugendlichen Bedürfnissen trennte die modernen Kreationen das hohe Preisniveau.

 

 

Exklusivität mochte für eine geringfügige Minderheit einen Kaufanreiz darstellen, bescherte den Brüdern Beltzig aber auch eine Menge existentieller Sorgen, zumal das Unternehmen eher »arbeitslust-« denn gewinnorientiert arbeitete.

 

Die Firmenchronik der Brüder Beltzig Design beschreibt die Situation recht anschaulich: »Das Leben ist kein Märchenland, und wenn man kein reicher Prinz ist, genügt es nicht immer, nur den Willen und das fachliche Können zu haben; denn wenn man das kaufmännische Denken außer acht läßt, geht's bergab, auch in der Hochkonjunktur; der Gerichtsvollzieher wurde ein zwar verständiger, aber leider auch ständiger Gast bei den Brüdern«.

 

Nach der »floris«-Euphorie zog dergestalt der nüchterne Alltag ein. Günter hatte inzwischen Wuppertal den Rücken zugekehrt und bei Siemens in München eine feste Stellung angenommen, zuständig im Design-Studio für Design-Alternativen, Zukunftsprojekte und Design-Allgemeinfragen.

 

Er entwarf dort Haushaltsgeräte, Rechner, Datenendplätze und Flughafenterminals. München hatte für den jungen Designer allerlei Überraschungen parat, negative wie positive. Eine negative zuerst: der verheißungsvolle Auftrag zur Gestaltung der Sitzreihen im Olympiastadion im Jahre 1969.

 

Seitenansicht von »auberge«. Der Tisch mit den angeformten Sitzen war auch in Rot lieferbar

 

 

»bacchus«, 1973. Die Sitzgruppe für sechs Personen besteht aus drei gleichen Elementen, die am Tisch verschraubt werden, und ist »für gemütliches Kaffeetrinken« gedacht.

 

Der Entwurf eines Sitzes mit Beckenstütze, Sitzfläche in starker Schräge und Belüftungsschlitz in der Sitzmulde wurde interessiert angenommen, dann aber abgelehnt und fand sich schließlich - aufgrund mangelnder urheberrechtlicher Absicherungen - in vielen Details und Gestaltungsmerkmalen, von einem anderen Designer realisiert, im Olympiastadion tausendfach wieder.

 

Eine positive Überraschung datiert ins selbe Jahr. Designerin Iri, bei Siemens zuständig für Design-Information und -Doku­mentation, wurde Frau Beltzig, das Triumvirat der nach wie vor existenten Firma der Beltzig Brüder durch eine Frau effektvoll unterstützt.

 

Günter und Iri quittierten 1970 ihren Dienst bei Siemens, zogen aufs Land, ins Tal der sanften Hügel, wo der Himmel hoch ist und seitdem ein Hauch von Zauber und Geheimnis in den Lüften tanzt. Unter dem Motto »Kreativität auf Abruf« boten sie als freiberufliches Designer-Team im »Ofarim-Look« ihre Dienste an.

 

 

Bestimmte Umstände lenkten ihre Kreativität auf kindergerechte Entwürfe, darunter das Baby Center, eine »kuriose Maschine, die Babies betreut« oder ein avantgardistischer Spielberg aus Kunststoff. Auch Ernst und Berthold zogen inzwischen aufs Land, in das alte Gut Kahlenberg bei Wipperfürth, produzierten dort Prototypen und kleine Serien für Fremddesigner wie Colani und Klose, sorgten mit der von Christian Weiser entworfenen »Spielkugel« für Schlagzeilen und bauten - weiterhin - das serienmäßige Programm ihres Bruders.

 

Die von Günter Beltzig weiterverfolgte Poly-Bel-Reihe erfuhr in der ersten Hälfte der 70er Jahre eine Fülle innovativer Bereicherungen. Die Palette der glasfaserarmierten Polyestermöbel listet - neben Spielgeräten, Karussells und Pavillons - als interessante Neuheiten die Sitzgruppen »filius« und »auberge« auf, einteilige Tisch-Sitz­Kombinationen, entworfen aus dem »Verlangen nach unkonventionellen Sitzmöbeln, die sich auch im Freien und zwar möglichst abwechslungsreich variabel verwenden lassen und gestapelt werden können« (Firmenprospekt).

 

Richtungsweisend erwiesen sich auch die Sitzelemente »chenille« (1975) (ein Teil entsprach einem Achtel-Kreissegment), aus denen zusammen mit zwei Endstücken eine Sitzschlange gebildet werden konnte. Die Bauelemente aus witterungsfestem Polyester, mit denen man gestalterisch Sitzgruppen in Kreisen, Kurven und geraden Linien aufbauen konnte, waren für Fußgängerzonen und Foyers gedacht und inspirierten viele Nachahmer.

 

»filius«, 1974. Einteilige Sitzgruppe mit vier Plätzen. Die gelbe Lackierung war eine Sonderausführung.

 

 

»filius«, um 45° gedreht, überrascht - wie die meisten Möbelplastiken von Günter Beltzig - mit einem völlig anderen Gesicht.

 

1974, sechs Jahre nach ihrem »floris«-Höhenflug, stellten die Brüder Beltzig erneut auf der Kölner Möbelmesse aus: die Wandelemente mit eingeformtem Sitz und Werbeträger für kurzzeitiges Sitzen waren ursprünglich nur als Messestandgestaltung gedacht, stießen aber auf ungewöhnlich starke Resonanz.

 

Als Bausystem »herodes­Thron« aus Polyester wurden sie daraufhin in das Sortiment aufgenommen, als »schnelle Möglichkeit, um aus hoffnungslosen, feuchten, alten Gemäuern, dunklen Kellern oder tristen Neubauten freundliche, moderne, menschliche Geschäftsräume zu machen« (Firmenprospekt).

 

Die Wandelemente mit Sitzen und Doppelsitzen, Regalen und Armlehnen konnten im Kreis oder im Winkel aufgestellt werden. »herodes-Thron« war eines der letzten gemeinsamen Highlights der Brüder Beltzig. 1976 brach die Firma auseinander.

 

 

Daran konnte auch das am 1. Juni 1976 als Erstausgabe in die Welt geschickte »Brüder Beltzig Blättchen«, das halbjährlich erscheinen sollte, nichts mehr ändern. Der vielsagende Headliner »Kunststoffmöbel rückläufig« erzählte vom Ende der Kunststoff-Euphorie, der kunstvoll gestalteten Polyestermöbel, die jetzt kaum mehr gefragt seien.

 

In der Tat war zu diesem Zeitpunkt die Ära der Kunstharz-Wohneinrichtungen vorbei. Die Ölkrise, welche die Kunststoffpreise steigen ließ, und wachsendes Ökobewußtsein taten das ihre zur Entwicklung.

 

Lediglich bei den Gartenmöbeln konnte sich der ökonomische Aspekt längerfristig durchsetzen. Die Ausstellung »Design. Kunststoffmöbel von Günter Beltzig. Plastiken mit Funktionswert, Beispiele materialtypischer Gestaltung, Versuche experimenteller Formgebung« der Workshop AG Bern im Herbst 1978 markiert quasi den Abschluß von Günter Beltzigs erster Schaffensperiode.

 

»filius«, Entwurfskizze

 

Karussell mit eingeformten Sitzen (1973) zur farblichen Belebung von Anlagen. Das Karussell erreichte eine Auflage von mehreren Hundert Exemplaren.

 

Seine dort formulierten Thesen wirken wie ein Nachruf auf die Polyesterplastiken der Frühphase in ihrer skurrilen, aber anatomisch richtigen Gestaltung, wie ein Epilog auf alle jene Kunstobjekte zwischen Nützlichkeit und Schönheit - kunterbunt und »leicht verrückt«, aber nie Selbstzweck, nie ihrer eigentlichen Funktion enthoben.

 

Seit 1978 ist Günter Beltzig unter der Firmierung »Günter Beltzig Play Design« für die Firma Richter Spielgeräte GmbH in Frasdorf tätig, mit dem Entwerfen von Spielgeräten, der Beratung und dem Einrichten von Spielplätzen betraut.

 

Die Objekte »filius«, »chenille« und »auberge« wurden - als letzte Repräsentanten aus dem 1976er Poly-Bel-Katalog - dort weiterproduziert. Mittlerweile hat sich auch Holz in den Beltzigschen Schöpfungen etabliert. Der Optimismus und Zukunftsglaube der früheren Kunst(stoff)möbel ist nun auf die Welt der Kinder gerichtet, denen die Zukunft noch gehört.

 

 

Die Grundidee und Antriebsfeder ist dabei die gleiche geblieben: die Menschenmassenhaltung menschlicher zu machen - aktueller denn je. Und in düsteren Phantasien entstehen inzwischen - im detaillierten Modell - in Günter Beltzigs Werkstatt wieder Entwürfe hierzu, die nicht nur Kinder angehen: wohngerechte Bunker und futuristische U-Boote als beängstigende Zukunftsvisionen. Und das Ideenkarussell dreht sich immer schneller ...

 

Futuristische Dezemberlandschaft im Jahre 1967:

Ernst Beltzig demonstriert mit den »floris«-Stühlen Lebensgefühl.

 

 

Die Wandelemente »herodes« zogen 1974 die Aufmerksamkeit auf sich.

 

Der Himmel über Deimhausen

II

Wir sitzen auf einem feuerroten Karussell inmitten des paradiesischen Gartens, der zu einem kleinen Bauernhäuschen gehört, das am höchsten Punkt eines oberbayrischen Dorfes liegt. Unser Blick schweift über ungemähtes Gras und dichtbelaubte Bäume und begegnet noch einmal den Helden einer Story aus jener Sturm- und Drangzeit, die soviel hoffnungsvoller war und optimistischer.

 

Günter führt uns zu den farbigen Stationen, die eine Geschichte erzählen, welche das Leben schrieb. Da treffen wir auf »filius«, einen knallgelben Tisch mit vier angeformten Sitzen, geeignet als Höhle, als Schaukel, für unendliche Spiele mit der Phantasie.

 

Neben der alten Terrasse hat sich die froschgrüne »auberge« auf der Wiese niedergelassen, ein brückenartiger Tisch aus Polyester mit vier bankartig angeformten Sitzen. Eine rote Schwester dieses Rastplatzes steht seit Jahren in der Abteilung »Technische Chemie« des Deutschen Museums. Wir gehen vorbei, schauen herum, drehen uns im Kreis - und entdecken ein ähnliches Sitzmöbel in gleicher Farbgebung.

 

 

Quatsch, reingefallen. »auberge« von der anderen Seite, die verschiedenen Ansichten der Beltzig'schen Kunststoffplastiken überraschen uns mit verblüffend wechselnden Gesichtern. Es geht aufwärts. Ein wenig verloren steht er da, der rote Einzelsitz, der für die Sitzreihen in einem Stadion konzipiert worden war und der uns eine Episode erzählen könnte, die wir beinahe vergessen hätten.

 

Etwas verschüchtert neben einem Busch hat der Stuhl »lilac« Stellung bezogen, in vornehm zurückhaltendem Lila lackiert, markiert er das Ende der Poly-Bel-Kollektion. Gar nicht weit davon entfernt, aber viel frecher, der knallrote Kinderstuhl, mit dem alles so hoffnungsvoll begann und dessen einer (von vielen) Zwillingsbruder in der Neuen Sammlung München zu bewundern ist.

 

Ja, was ist das? Ein ebenso rotes futuristisches Kunststoffgebilde, ein Schreib- und Lesepult mit angeformtem Sitz »für alle, die von Muse geküßt« werden wollen - »pegasus«, das geflügelte Pferd, aus einer Zeit, als wir unseren Idealen noch Flügeln wachsen lassen konnten.

 

Sitzschlange »chenille« (1975). Die einzelnen Sitzelemente boten vielfältige Kombinationsmöglichkeiten.

 

 

»Kreativität auf Abruf«: Iri und Günter Beltzig zu Beginn ihrer freiberuflichen Designer-Karriere, um 1970.

 

Die dreiteilige Sitzgruppe »baccus« ist gedacht für gemütliches Kaffeetrinken, für Essen, Unterhaltung und die Grundbedürfnisse des Lebens. Da meldet sich sofort »venus« zu Wort, und schon haben wir ihn erreicht, den gleichnamigen Pavillon am hinteren Parkende.

 

Ein oller, bewachsener, 12-teiliger Tempel mit konkaven und konvexen, radial verlaufenden Wölbungen. Stimmungsvolle Patina hat sich hier niedergelassen - wie auf allen anderen, ständig der Witterung ausgesetzten Möbelobjekten, die die Zeit dennoch besser überstanden haben als unsere Erinnerungen, denen sie auf unserer Parkwanderung wieder auf die Beine helfen.

 

Und im Zentrum des Venustempels, glatt und glänzend wie ehedem, das Kult Objekt unserer Begierde, von Museen und Sammlern: »floris«, der Star in schreiendem Orange - a funny kind of yellow am illustren Designer-Himmel.

 

 

Der utopische Stuhl kennt die Welt wie keiner seiner bunten, im Park versammelten Verwandten; kennt das Museum of Modern Crafts & Modern Art in New York eben so gut, wie das Vitra Design Museum in Weil am Rhein.

 

Irgendwo, an nicht näher spezifizierbaren Orten, geistern weitere Exemplare des skurrilen Sitzmöbels umher, Exemplare, mit denen einst ein Restaurant bestuhlt wurde, die man später »verramschte« und die nun als Raritäten durch Sammlerhände wandern.

 

An einem näher spezifizierten Ort, der Galerie Wolfgang Maurer in der Münchner Kurfürstenstraße, wartet ab September eine signalrote, hundert Stück starke Neuauflage des »floris«Stuhls auf all jene Sammler, die bislang leer ausgegangen sind.

 

Günter Beltzig stellte dem Dt. Museum die Sitzgruppe »auberge« als Ausstellungsobjekt auf Dauer zur Verfügung.

 

 

Landschaftssitz aus Beton, Entwurf 1978. Nur einmal gebaut, steht das Rondell im Beltzig'schen Garten.

 

Wir wandern an das hinterste Ende des Gartens und entdecken, in den Boden eingelassen, ein Rondell aus Beton, eine kreisförmige Sitzgruppe im Stile Gaudis; durch ihre hohen Rückenlehnen entsteht ein akustisches Raumgefühl, hört man Stimmen wie aus Geistermund. Kerzenhalter sowie eine Feuerstelle in der Mitte erinnern an eine Opferstätte.

 

Trauerarbeit dokumentiert dieses Sitzensemble, das Günter zur Ablenkung baute, als der Tod von Bruder Berthold ein Ende ohne Wenn und Aber für die gemeinsame Geschichte der drei Beltzig-Brüder bedeutete.

 

Noch einmal durchstreifen wir den Park, und leisere Töne der Dämmerung mildern die lauten Farben der Möbelplastiken. Am vorderen Ende, an der höchsten Stelle, unter tiefhängenden Zweigen ins Licht der letzten Sonnenstrahlen getaucht, lädt eine andere Betonsitzgruppe zum Verweilen, Abschweifen, Träumen ein.

 

 

Der Blick gleitet über ein Tal aus sanften Hügeln. Irgendwo unten verschwindet »auberge« in abendschattigen Grasmulden. Unsichtbar, weit hinter uns das Rondell, die Trauerarbeit, das Ende.

 

Daneben, unter dem Schutz der Venus, wartet »floris« auf einen neuen Sonnenaufgang. Und unter uns hüllt sich ein kleines »Wolkenkuckucksheim« in versponnene Abendnebel und erinnert uns daran, wie wir einmal Traum- und Luftschlösser bauten, um in ihnen mit unserer Kreativität die Welt zu verbessern.

 

Hey! Look up to the Sky!

 

Und dann zieht Melancholie auf, am hohen Himmel über Deimhausen.

 

 

Pavillon »venus«, Entwurf 1973. Gedacht als Wohnzelle in großen Wohnlandschaften oder für Parks.

 

 

Sechsteiliger Landschaftssitz aus Beton, späte 70er Jahre. Der anheimelnde Platz befindet sich am höchsten Punkt des Beltzig'schen Gartens mit verträumtem Blick auf ein »Tal der sanften Hügel«.. .

 

   

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