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Ist das Kinderparlament der Stein der Weisen?

Ich bin Industrie Designer und habe mich auf Kinderbedürfnisse spezialisiert. Ich plane und entwerfe Spielplätze, Spielgeräte, Räume zum Spielen, für Kinder, für Behinderte, für Menschen, für alle. Ich plane alleine, ich plane mit den Benutzergruppen, ich plane als Koordinator und Überträger der unausgesprochenen Wünsche der Zielgruppen, Benutzer, Anlieger, Betroffener als ein Stück Sozialarbeit, um unsere Umwelt für Kinder und andere Randgruppen lebens- und liebenswert zu machen.

Wir suchen alle immer nach dem Stein der Weisen, der unsere Probleme von selbst löst. Zur Zeit ist das Kinderparlament in Mode gekommen, als Stein der Weisen, um unsere Probleme mit der Jugendaggression, Zukunftsverdrossenheit, Orientierungslosigkeit und Politikverdrossenheit zu lösen.

Parlament kommt vom altfranzösischen "parler" sprechen, reden (Duden). Es wurde in der englischen Demokratieentwicklung im 17. Jahrhundert als Begriff für Volksvertretung, benutzt und hat sich dafür bis heute weltweit durchgesetzt.

Es gibt verschiedene Arten von Parlamenten. Zum einen gibt es die Parlamente oder Volksvertretungen die sich nach Aufständen, Notfällen oder Umstürzen machtvoll gebildet haben und dann mit Vollmachten und Rechten Verfassungen ausgearbeitet haben, Regierungsarbeit kontrolliert und selber Gesetze durch Beratung und Abstimmung geschaffen und machtvoll durchgesetzt haben. Der Schweizerbund Anfang der Neuzeit, die Befreiung der U.S.A., England im 17. Jahrhundert, französische Revolution, die Parlamente verschiedener Nationen nach dem ersten Weltkrieg und auch unser Bundestag, der sich nach 1945 langsam gebildet hat, sind Beispiele dafür.

Die andere Art der Parlamente sind von mehr oder weniger starken Machthabern eingesetzt worden, um das Volk zu beschwichtigen.

Solche Parlamente waren der preußische Landtag, die Duma unter den Zaren, die Volkskongresse in der UdSSR, China und der DDR, und sind heute die meisten Parlamente in der dritten Welt und leider auch die Vollversammlung der UN und das Europaparlament. Sie dürfen reden, beraten, abstimmen aber durchsetzen können sie nichts. Dazu fehlt ihnen die eigentliche Macht und sie degenerieren zu Debattierclubs und werden als Alibi für "Volkswillen" mißbraucht.

Zu dieser Kategorie von Parlament wird jedes Kinderparlament zählen, es wird keine Problemlösungen durchsetzen können. Vielleicht kann es für Repräsentationsmöglichkeiten bei feierlichen Anlässen dienen, aber dazu kann man auch Faschingsmariechen oder den Hinterwälder Kinderchor nehmen, ein Kinderparlament braucht man dazu nicht.

Das Parlament soll Volksvertretung sein, möglichst alle Gruppierungen dieses Volkes präsentieren. Aber Parlament kommt von „parler", sprechen, reden dadurch sind leider nicht alle Gruppen gleich gut geeignet und nicht gleich stark interessiert an der Parlamentsarbeit. Der Parlamentarier muß sich schnell, unter Zeitdruck aus einer Unmenge von Schriftwerk durch Überfliegen, oberflächlich informieren, um dann dieses Wissen als werbewirksam Sprüche und Reden zu seinem Vorteil wiederzugeben. Dies führt dazu, daß alle Parlamente hauptsächlich von Lehrern, Juristen und Kaufleuten besetzt sind. Berufe wo Reden und Überzeugen wichtiger ist, als kreatives Schaffen und neue Wege suchen. Wissenschaftler (Soziologen, Psychologen, Mediziner, Historiker usw.). Künstlerische Berufe (Architekten, Planer, Designer, Schriftsteller, Dichter, Maler, Regisseure, Musiker usw.) technische und handwerkliche Berufe sind selten, und Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose und Rentner sind gar nicht vertreten. Aber auch Frauen, obwohl über 50% der Wähler, sind bundesweit nur unter 20% vertreten.

Diese einseitige Berufs - Bildungs - und Interessenauswahl der Parlamentarier hat dazu geführt, daß in den Parlamenten keine fachlich fundierten Konzepte ausgearbeitet, keine produktiven Kompromisse zwischen verschiedenen, teilweise konträren Interessen gebildet und keine kreativen, neuen oder besseren Lösungsansätze für unsere Probleme geschaffen werden. Es werden verbale Scheingefechte ausgetragen, es wird um didaktische Punkte gekämpft und in der Selbstbereicherung, (Diäten) Einstimmigkeit demonstriert.

Auch im Kinderparlament würde das "parler" die Auswahl bestimmen, die Musterschüler, die frei reden können, und die Ehrgeizigen wären unter sich, doch diese Gruppe kann sich überall, jederzeit problemlos anpassen und findet Wege, ihre Interessen zu artikulieren und durchzusetzen.

Die anderen, die Problemgruppen, die schwerfällig-handwerklich Begabten, die unruhig-kreativen Störer, die künstlerisch Verträumten, die sozial Unterentwickelten und auch alle Punker, Rocker, Skinheads, Aggressiven, und Außenseiter würden nicht kommen, nicht reden, nicht gehört werden.

Diese Gruppen brauchen Vertreter, die sich in ihre Probleme reindenken und sie objektiv artikulieren können. Ein Musterschüler wird es schwer haben, sich in die Welt eines Fahrradketten schwingenden Skinheads reinzufühlen.

Wenn wir glauben, daß Kinder ihre Probleme selber besser lösen können, dann wäre es richtig das aktive und passive Wahlrechtalter runterzusetzen und sie in die verfassungsmäßigen Parlamente aufzunehmen. Denn durch extra spezialisierte Parlamente, wie Frauenparlament, Arbeitslosenparlament, Behindertenparlament, Jugendparlament und Kinderparlament werden keine Probleme besser gelöst.

Wenn das Kinderparlament dazu dienen soll, der Politikverdrossenheit entgegen zu wirken und bei der Jugend mehr Verständnis, für politische Zusammenhänge zu schaffen, dann ist der Besuch (mit Schulen, Arbeitsgruppen, Freizeitvereinen) der verfassungsmäßigen Parlamente und Diskussionsrunden mit Politikern und Verwaltungsbeamten viel interessanter, praxisnäher und effektiver als wie Parlament spielen und so zu tun als ob.

Die Politiker müssen sich Zeit nehmen für die Jugend, sie müssen begreifen, daß die Kinder von heute die Wähler von morgen sind und das wir Erwachsenen eine Bringschuld den Kindern gegenüber haben und nicht umgekehrt.

Kinderpolitik läßt sich besser mit einem Ämter- und Ressort- übergreifenden Kinderbeauftragten, Kinderanwalt (Ombudsmann/ Frau) machen, mit Kindersorgentelefon, Kinderbüro und freundlichen kompetenten, hilfsbereiten Ansprechpartnern, die von Verwaltung, Politik, Bürgern und Kindern geachtet und geschätzt werden.

Sicher auch dies ist kein Stein der Weisen, aber vielleicht etwas funktioneller als ein viel Arbeit und Kosten verursachendes panierendes Kinderscheinparlament.
 

 

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