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Kind und Raum

Über das Hineinwachsen in die Welt

Kinder richtig einzuschätzen ist schwer.  Ihr sogenanntes Fehlverhalten ist oft nur eine Falschbeurteilung kindlicher Bedürfnisse und Leistungsfähigkeit.

Warum sind wir so unsicher mit ihnen, obwohl wir doch selber einmal Kinder waren?

Zum einen gibt es keine fest umrissene Bevölkerungsgruppe >>Die Kinder<<.  Der aggressive, vollausgewachsene Sechzehnjährige, die kokettierende Vierzehjährige, der rumlungernde Zwölfjährige, der verspielte Achtjährige, die verträumte Fünfjährige, der rumtapsende Dreijährige - sie alle sind Kinder, aber keine homogene Gruppe, deren Bedürfnisse und Möglichkeiten über einen Kamm zu scheren sind.  Kind sein ist ein sich ständig verändernder Prozeß.

Das Kind ist im nächsten Jahr größer, kann mehr, darf mehr.  Moden können Kinderwünsche und Kinderverhalten rasch verändern.  In der Kindheit ist alles im Fluß. Ein wichtiger Punkt in der Fehleinschätzung von Kinderproblemen ist, daß wir selber einmal Kinder waren und glauben, uns objektiv erinnern zu können, was Kinder brauchen und können.  Diese Erinnerungen sind jedoch subjektiv, von einer anderen Zeit geprägt, und sie sind mit unserem Wachsen mitgewachsen: in unserer Erinnerung ist der Teddybär von damals riesengroß, aber klein, wenn wir ihn als Erwachsene wiedersehen.

Es gibt kaum neue Untersuchungen über Kinderverhalten in der Stadt. Oft wird eine Studie von Martha Mucho aus den zwanziger Jahren zitiert. Sie zeigt, wie Kinder radial um ihren Lebensmittelpunkt mit zunehmenden Alter, in immer größeren Kreisen ihre Umwelt entdecken und sich aneignen. Daraus sind die Einzugsgebiete der Spielplätze in der DIN 18034 abgeleitet.

Heute eignen sich Kinder ihr Lebensumfeld nicht mehr schrittweise an. Sie werden als wohlbehütete Einzelkinder in der Wohnung gehalten, zur Spielgruppe, zur Haltungsstörungstherapie, zur Schule, zum Tennisclub, zum Schwimmkurs, zur Geigen- oder Bastelstunde, zum Ballett und zum Nachilfeunterricht gebracht. Man bringt sie zu isolierten Punkten, zu jeweils unterschiedlichen Partnern (Freunde kann man sie nicht nennen), auf Wegen, die sie erst sehr viel später, wenn sie älter sind, allein bewältigen können.  Kinder können ihnen etwas über den Ferienort Mallorca, über den Turnverein am anderen Ende der Stadt erzählen und wie sie mit U-Bahn oder Bus dahinkommen können.  Sie können ihnen sagen, über welche Autobahn sie zu ihrere Oma kommen, aber was hinter dem nächsten Häuserblock ist, wissen sie nicht und werden es auch kaum je in Erfahrung bringen können.

Auch im Sozialverhalten hat sich das Kindsein stark verändert: Kinder werden mit materiellen Gütern wie Spielzeug, Süßigkeiten, aber auch mit Fernsehen und Computern überschüttet, sie haben mehr als sie wirklich sinnvoll benutzen können. Durch vieles Fernsehen sind Kinder heute sprachlich weiterentwickelt, aber im Lesen und Schreiben im Verhältnis zu früher zurückgeblieben.

Über Sexualtität, Drogen und Kriminalität sind sie besser aufgeklärt als manch ältere Erwachsene. Im Sozialverhalten, in Selbstvertrauen, Selbstbehauptung in der Gruppe, Hilfsbereitschaft, in der Bereitschaft zu teilen, Kompromißfähigkeit, aber auch in der Fähigkeit, fair zu streiten, sind sie im Verhältnis zu den Großfamilien-Kindern  früherer Generationen unterentwickelt. In der Kleinfamilie haben sie keine Geschwister als Spiel- und Lebensgefährten - Kinder sind einsam geworden.

Die Ein-Erwachsener-Ein-Kind-Familie der Alleinerziehenden macht das Leben der Kinder schwerer, sie haben oft als Spielkameraden nur ihren eigenen, einzelnen Erziehungsberechtigten. Der soll Mutter, Vater, Erzieher, Versorger, Bezugsperson und ebenso gleichwertiger, gleichaltriger, gleichleistungsschwacher Partner zum Blödsinn machen, Rumtoben Albern und Streichespielen sein.

Oft muß das Kind dann auch noch den fehlenden Ehepartner, Lebensgefähreten und Freund für Aussprache und Ratschlag ersetzen.  Unsere Kinder wachsen heute zunehmend in einer für sie zu alten Gesellschaft auf.  Es entstehen schizophrene Erwachsenen-Kind- und Kind-Erwachsenen-Situationen, die für die natürliche Entwicklung der Kinder nicht günstig sind.

Kinder werden immer mehr zu Einzelgängern, und allein haben sie mehr Angst vor der großen Fremde, vor der großen Stadt.  Die Stadt zu entdecken und sich dort frei zu bewegen, wäre mit Freunden, in einer Gruppe leichter.  Die Kinder haben immer mehr Anst vor der Stadt und begegnen ihr mit Ablehnung.
Was also sollte die Planung berücksichtigen, damit sich Kinder in der Stadt wohlfühlen?  Welche Gemeinsamkeiten gibt es, trotz der Inhomogenität der Gruppe, in der Art, wie Kinder Räume wahrnehmen und benutzen?  Dazu im folgenden einige Beobachtungen und Vorschläge aus meiner Praxis:

Kinder sind spontan. Sie haben kein abstraktes Zeit- und Entfernungsgefühl. Warten dauert für sie endlos. Hier, jetzt, sofort und nicht später und dahinten wollen sie spielen, sein oder tun.
Eine lange gleichmäßige Straße gehen zu müssen ist für sie Quälerei, aber von einem abwechslungsreichen Punkt zum nächsten, von Erlebnis zu Erlebnis hüpfen können sie ewig, bis zum Umfallen. Der kleine, unmittelbare Bereich, der Zehn-Zwanzig-Meter-Kreis ist ihr Interessens- und Lebensbereich.
Kinder brauchen die Feinstruktur, Vielschichtigkeit, Nischen, Ecken, kleine Höhen und Tiefen, das Vielgestaltige. Wesensfremd und nicht benutzbar ist für sie das Uniforme, Großflächige, die Wiederholung der sparsamen Struktur unserer modernen Stadtplanung.
Die kindliche Bezogenheit auf kleine Umfelder führt oft zu Verkehrsunfällen. Die fernen Fahrzeuge nimmt das Kind nicht wahr. Wenn das Fahrzeug in den Interessensbereich des Kindes kommt, können Kind und Fahrzeug meist nicht mehr reagieren.
Weil sich Kinder durch die Befangenheit in ihren kleinen Einflußbereichen für größere Strukturen nicht interessieren und sich auch nicht bewußt Orientierungspunkte einprägen, können sie sich verlaufen. Straßen- und Geschäftsnamen, Kirchtürme und große Alleen sind für sie nicht selbstverständliche Merkpunkte. Sie kennen die Straßenecke mit der Hecke, das Geschäft mit den großen Schaufenstern und der warmen Luft an der Eingangstür, die große Treppe vor der Kirche, und sie kennen die lange, langweilige Straße, doch in welcher Richtung sie auf dieser Straße gegangen sind, wissen sie nicht mehr. Selbst Jugendliche, nach Straßennamen, Kirchen oder anderen markanten Punkten gefragt, reagieren irritiert und verständnislos.

Kinder verändern sich. Sie wachsen, und damit verändert sich auch die Proportion der Welt. Nach einem Wachstumsschub kann das Kind auf einmal über eine Mauer, ein Hindernis sehen, . das vorher die Aussicht versperrte. Es kann weiter springen, höher klettern. Es wird von anderen mehr respektiert. Es lebt auf einmal in einer anderen, neuen Welt.
Daraus entstehen auch Probleme. Die Koordinierung der auf einmal länger gewordenen Arme und Beine, die erreichte Größe müssen erst wieder erlernt werden. Die schlaksige Bewegung, das Stolpern und das Anecken sind oft nur Koordinierungsprobleme. Das vermeintlich mutwillige Zerstören, das zu kräftige Anfassen, das Rumstoßen sind nicht Folgen von Vandalismus, sondern vom noch nicht gelernten Umgang mit der neuen Stärke, dem neuen Gewicht, der neuen Größe.
Der Briefkasten an der Ecke, unter dem das Kind immer hergelaufen ist, irgendwann reißt er dem Kind ein Loch in den Kopf, weil es nicht gemerkt hat, daß es größer geworden ist.
Wachsen bedeutet, immer wieder die Welt neu zu erleben, sich mit ihr neu auseinanderzusetzen. Der altbekannte Stolperstein, die Treppe, das Geländer bekommen immer wieder eine andere Dimension.
Dies ist ein Grund, warum Kinder ihre unmittelbare, alltägliche Umwelt intensiver kennen und wahrnehmen als wir Erwachsene. Wir haben uns an all die vielen Kleinigkeiten schon seit Jahren gewöhnt, weil wir uns nicht verändert haben. Das Kind erlebt seine Umwelt ungleich bewußter. Gegenstände, an denen das Kind Erfahrungen gemacht hat. haben dadurch etwas Lebendiges, Wesenhaftes für das Kind, so daß es diese Gegenstände sogar nicht selten personifiziert.

Kinder überschreiten Grenzen. Sie werden größer, können mehr, dürfen mehr. Doch dieses »Mehr« müssen sie sich selber nehmen. Sie müssen sich trauen, gewohntes Können und Dürfen zu verlassen, um zu einem neuen Mehr können und Mehr dürfen zu kommen. Ein Kind lernt und trainiert dies von Geburt an. Es lernt, sich ständig an Grenzwerte heranzutasten, an Grenzwerte des Könnens, des Aushaltens und des Dürfens. Das ist gesundes, normales Kindverhalten.
Für ein kleines Kind kann es das Besteigen eines Steinhaufens oder das Balancieren auf einer Mauer sein, für größere Kinder das Beklettern einer Pergola oder eines Schaukelgestells. Eine kindgemäße Umgebung läßt unterschiedliches Können für unterschiedliche Grenzwerte zu.
Wenn eine monotone, einschichtig gestaltete Umwelt eine schrittweise Leistungssteigerung nicht zuläßt, kann es durch Aufstauen und abruptes Überspringen von Grenzen zu Unfällen oder Zerstörungen kommen.
Vandalismus in langweiliger, erlebnisarmer Umwelt ist meist Zeichen für falsche Planung und nicht für übertrieben aggressive Benutzer. Wenn Jugendliche oder ältere Kinder etwas zerstören, wollen sie damit provozieren und schockieren, dazu brauchen sie aber Publikum. Wenn sie sich produzieren und etwas zerstören, gibt es fast immer Zeugen, meist ältere Leute oder Anlieger. Wenn etwas heimlich zerstört wird und niemand etwas gesehen oder bemerkt hat, waren es oft gar nicht Jugendliche. Etwas heimlich mit Vorbedacht und nicht spontan zu tun, ist Sache der Erwachsenen. In einer feingliedrig gestalteten Umwelt, in der die Kinder genügend eigene Bereiche finden, entstehen weniger Unfälle und Zerstörungen.

Kinder leben in ihrer eigenen Welt. Sie werden als Zwerge in eine Riesenweit geboren. Sie sind so klein, daß sie nicht über die Tischkante gucken und so schwach, daß sie die schwere Haustüre nicht öffnen können. Sie sind die Behinderten im Umgang mit unserer Erwachsenenumwelt. Ihre Körpermaße und -proportionen stehen in einem anderen Verhältnis zueinander als bei uns Erwachsenen.
Teilweise muß bei der Planung darauf Rücksicht genommen werden, zum Beispiel bei der Erreichbarkeit von Griffen, Schaltern, Übersichtspunkten oder bei Geländern, Absturzsicherungen und Öffnungen.
Bei vielen Dingen braucht man darauf jedoch keine Rücksicht nehmen. Zwar sind die Stufen für Kinder, proportional zu ihrer Größe, höher als für Erwachsene, doch Kinder sind gelenkiger. Sie bekommen ihre Beine schneller höher . und brauchen weniger Gewicht zu heben als Erwachsene. Sie sind beim Treppensteigen, Klettern, Steigungen hoch rennen schneller als Erwachsene. Sie sind wendiger, können überall durchflutschen, suchen sich Abkürzungen, Geheimwege oder Öffnungen, wo Erwachsene nicht durchkommen können.

Kinder sind Zwerge in einer Riesenwelt, aber sie wären auch lieber groß und würden lieber über kleinere Welten herrschen. Kinder lieben deshalb klein strukturierte Gestaltung, miniaturisierte Welten. Große Dimensionen, riesige Spielfiguren lieben sie nicht, die werden nur von Erwachsenen aus ihrer Erinnerung heraus für kindgerecht gehalten (siehe oben). Kinder spielen zwar damit, wenn für sie nichts Artgerechtes vorhanden ist, doch sie schätzen die Riesen nicht. Sie fühlen sich in deren Welt bedroht, kontrolliert und immer beobachtet.
Sie versuchen stets, an Häuserwänden, Mauern oder Gebüsch angeschmiegt, sich Deckung suchend zu bewegen. Der große freie Platz wird nicht gern frei überquert, sondern im Schutz von Bäumen, Mauern oder als Gruppe mit mehreren Kindern.

Kinder sind klein und haben nicht so viele Reserven wie wir Erwachsenen. Sie sind rascher erschöpft und gelangweilt. Doch sie sind auch wieder schneller erholt, und munter lassen sie sich dann für etwas Neues begeistern. Eine kindgerechte Stadt sollte deshalb viel Abwechslung bieten und vielgestaltig sein. Ruhe- und Aktivbereiche, Erlebnis- und Entspannungsmöglichkeiten sollten sich abwechseln und ergänzen.
Überall dort, wo sich viele Kinder oft aufhalten, sollten TrinkwassersteIlen in der Nähe sein, denn Kinder brauchen wachstumsbedingt fast ebenso viel Flüssigkeit wie Erwachsene. Zier- und Springbrunnen mit chemisch behandeltem, nicht trinkbarem Wasser führen zu Mißbrauch und Gesundheitsrisiko. Wer viel trinkt, muß öfter zur Toilette. Wenn keine Toilette erreichbar ist, werden Ecken, Büsche oder Nischen mißbraucht. Sind keine Toiletten machbar, kann es sinnvoll sein, solch eine »Notecke« schon bei der Planung zu berücksichtigen.

Kinder leben in einer Phantasiewelt. Sie leben in einer nicht für sie gemachten Welt und müssen deshalb ständig Kompromisse machen, sich mit Dingen abfinden, die für sie falsch sind, und zufrieden sein mit Dingen, mit denen sie nicht umgehen können.
Ist es da ein Wunder, wenn sie sich mehr in Traumwelten aufhalten als in der für sie nicht gemachten Realität? Kinder haben Phantasie und können sich alles vorstellen. Die Dinge haben für sie Seele und Leben. Sie können mit Dingen reden und den Dingen zuhören. Der Baum ist eine Burg, der Busch ist ein Drache oder ein Dinosaurier, der Müllcontainer ein Raumschiff oder ein Schloß.
Es gibt Erwachsene, die glauben, wenn sie Dinge mit Gesichtern bemalen oder mit Figuren, das sei kindgemäß. Doch indem sie die Phantasie beschränken, nehmen sie dem Kind ein letztes, kindeigenes Stück Freiheit.
Viele Gegenstände regen schon allein durch ihre Feingliedrig- und Veränderbarkeit die Phantasie der Kinder an: Der Bordstein, auf dem das Kind balancieren kann, regt das Kind zu »Spielregeln« an, zu phantasievollem Verhalten. Rechts und links ist tiefes Wasser, ich darf nicht abstürzen! Oder: Ich hüpfe von der einen hellen Platte zur anderen, weil die schwarzen Platten tiefe Schluchten sind. Oder das Kind muß sich von Auto zu Auto, von Baum zu Baum schleichen, weil Räuber kommen, Geister, Menschenfresser oder Außerirdische.

Kinder erleben andere Wunder. Sie werden als Nichtskönner in eine Welt der Alleskönner geboren. Es wundert sie nicht, daß Vater, Mutter und alle anderen Erwachsenen alles können. Dadurch wird zum einen die Erwartung an die Erwachsenen sehr groß und dann die Enttäuschung, wenn die Erwachsenen es nicht können. Zum anderen werden Dinge, die für Erwachsene Leistung oder Überraschung sind, für Kinder selbstverständlich.
Daß der Mensch zum Mond fliegt, ist für das Kind so selbstverständlich oder ein Wunder wie daß Oma ins Krankenhaus muß, Superman fliegen kann, der Froschkönig ein Prinz ist oder daß, wenn ich oben Schokolade esse, unten was ganz anderes rauskommt.

Kinder bewerten Dinge anders. Das Direkte, das Fühlbare, Sehbare, Beeinflußbare hat mehr Gewicht als das Später, Dahinten, Große, Teure, Aufwendige, Nichtveränderbare, Abstrakte. Der Pflasterstein, der locker ist und herausgenommen werden kann, die Gehsteigplatte, die wippelt, bei Regen quietscht und spritzt, die Pfütze, die sich nach dem Regen auf der unebenen Pflasterfläche bildet, das Geländer, an dem man rum turnen kann, das wackelt, und der Spatz, der in der Sandkuhle sich plustert - all das sind wichtige Entdeckungen und sehr interessante Spielgegenstände.
Das Computerspiel, der Expreßaufzug zum Fernsehturm und das große Löwengehege im Zoo - all das sind Dinge, na ja, für Erwachsene oder sonstwie, nicht aufregender als all die anderen Dinge aus der Welt der Großen. Für Kinder ist die ganze Welt eine Wunderwelt. Große Wunder sind zu weit weg, die kleinen, die es in der Hand haben kann, sind interessanter. Spielen bedeutet Handhaben und Entdecken. Das Kind spielt Überall, mit allen Dingen und jederzeit. Es versucht, durch Spielen andere Eigenschaften zu entdecken Diese verhaltene Distanz ist ein Weg, sich mit der Welt zu arrangieren.

Kinder sind beeinflußbar. Sie lernen, indem sie abschauen und nachmachen. Eltern sind immer wieder sehr verblüfft, wie selbst sehr kleine Kinder nicht nur das, was sie sollen - unsere guten Seiten -, sondern oft viel besser das, was sie nicht sollen - unsere schlechten Seiten - imitieren und sich angewöhnen. Kinder werden von ihrer unmittelbaren Umwelt beeinflußt. Was sie dort sehen und fühlen, verarbeiten sie in ihrem Spiel, Tun und Sein. Der Fernseher gehört mit all seinem Crime, Krieg und Gewalt zur normalen Kinderumwelt.
Kinder vom Bildschirm fernzuhalten, ist in unserer Gesellschaft kaum möglich. Es macht sie zu Außenseitern. Kinder zum partnerschaftlichen Verhalten zu erziehen, geht auch nur in einem partnerschaftlichen Verhältnis. Alleinerziehenden fällt es schwer, Kompromißfähigkeit, Teilen und Nachgeben vorzuleben.

Kinder erleben ihr Umfeld im Spiel. Sie können nicht viel mit »Natur« anfangen, wenn sie in einem dichten Innenstadtgebiet aufwachsen. Für sie ist ein Holzschaukelpferd langweilig und abstrakt, wenn sie nur Autos sehen. Für Kinder ist Technik natürliches Umfeld, wenn sie in und mit Technik aufwachsen und Natur nur vom Hörensagen kennen.
Kinder springen, durch ihre angeborene Neugier geleitet, auf alles Neue, Schreierische. Das schnelle Hinlaufen wird meist für echtes Interesse gehalten. Auch glauben wir, daß Kinder etwas lieben, nur weil sie es schnell und in großen Mengen konsumieren.
Der unbestritten hohe Aufforderungscharakter greller Farben verführt das Kind, sich damit auseinanderzusetzen, es zu kaufen. Ob aber das Kind das Grelle, Bunte braucht, ob es damit spielen kann oder ob Reizüberflutung und Aufputschen dem Kind schaden, wird nur selten hinterfragt. Grelle, bunte Farben sind nicht kinderfreundlicher als gedeckte Farben oder harmonisch abgestimmte Pastellfarben.
Ein kindgerechtes Umfeld braucht keinen zusätzlichen Aufforderungscharakter. Das Kind entdeckt sehr schnell selber, was zu ihm paßt. Aufforderungssignale können für Kinder sogar gefährlich werden, wenn es sofort, direkt dorthin will und natürliche Hemmungen übersieht. So locken Fahnenmasten oder Figuren auf Dachspitzen Kinder in kritische Bereiche.

Kinder fühlen, was sie brauchen.
Es wird zur Zeit oft darüber geredet, daß die Stadt für Kinder besser wäre, wenn Kinder ein größeres Mitspracherecht hätten. Kinder können aber nicht abstrakt, langfristig, die verschiedensten Möglichkeiten und Bedürfnisse abwägend, zielgerichtet planen. (Leider die meisten Erwachsenen auch nicht, und selbst wir Planer, wenn wir für uns selber planen, sind oft sehr befangen!) Wenn mit Kindern geplant wurde, standen immer »betreuende« Erwachsene im Hintergrund, die ihre Vorstellungen mehr oder weniger deutlich soufflierten. Wenn die Planung gut war, wäre sie auch ohne die Kinder so gut geworden.
Daß Kinder Spaß an Planspielen haben, mit Begeisterung bei der Sache sind, sich später mit dem Entwurf identifizieren und ihn pfleglicher behandeln, ist richtig und gut. Es rechtfertigt den Mehraufwand an Geld und Zeit. Es ist aber ein Stück Sozialarbeit, die Planung wird durch die Kinder nicht besser.
Daß Kinder verstandesmäßig nicht wissen, was für sie gut oder schlecht ist, läßt sich bei der Diskussion über das abendliche Fernsehprogramm und -pensum oder beim Aufstellen des Speisezettels für die nächste Woche leicht selbst feststellen.

Kinder können aber spontan und intuitiv zeigen, was sie von einer Planung halten. Sie zeigen es durch fröhliches Benutzen, durch Bemalen, durch Spielverschleiß, oder sie zeigen es durch Nichtbenutzen, Zerstören und durch aggressives Verhalten.

Wenn wir sehen, was in der Planung für Kinder gut ist, merken wir, daß wir Erwachsenen auch leicht damit leben könnten. Erwachsene könnten sich gewiß leichter in so eine Kinderstadt eingewöhnen als Kinder in unsere Erwachsenenstadt.
                                                                      Günter Beltzig
 
 

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