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Meine "Sixties"

Ja, wie war das damals in den Sixties?  Eigentlich hatte ich die Sixties, "meine Sixties" verdrängt, wollte nicht mehr an meine Mißerfolge denken.  Aber waren es wirklich Mißerfolge?  Oder waren es Erfolge, die sich nur nicht in Heller und Pfennig ausgezahlt hatten?  Ja wie waren meine Sixties?

Es fing für mich damit an, daß ich Legastheniker und Linkshänder bin, voller Ideen, Träume und Gegenwelten, also der Prototyp des Schulversagers.  Ich wollte Erfinder werden, wie Zeppelin die Zeppelins und Diesel den Diesel erfunden hatte, wollte ich die "Günters" erfinden, eine Art Amphibienfahrzeug, mit dem man seiner Gegenwart, seinen Problemen, seiner Welt entfliehen konnte.
Aber mit dem Zeugnis des Schulrauswurfs war kein Staat zu machen, und nach einer Maschienenschlosserlehre reichte es immer noch nicht für die Ingenieurschule.

Doch ich hatte Glück, aufgrund meiner Rechtschreibprobleme hatte ich gelernt, mich durch Zeichnungen mitzuteilen.  Ich skizzierte Bildergeschichten und versuchte Erfindungen zeichnerisch zu lösen.  Damit kam ich auf die Wuppertaler Werkkunstschule, Abteilung Industrieform ( sie nannte sich später Design).
Als ich dann 1966 mein Abschlußexamen ablegte, herrschte in der Bundesrepublik die erste Wirtschaftskrise, die Wunderjahre waren vorbei; und während Erhard als Kanzler zurücktreten mußte, erließ die Industrie Einstellungsstops.

Aber wieder hatte ich Glück, die Firma Siemens in München gab mir die Möglichkeit, in ihrer Designabteilung anzufangen.  Es war "die" Chance überhaupt.  Siemens, die Firma mit der damals größten Designabteilung in Deutschland, mit Designern aus allen Bereichen und jeden Alters, unter ihnen die "alten" Autodidakten der Nachkriegszeit ebenso wie Bildhauer, Grafiker, Ingenieure, Architekten und die hervorragend ausgebildeten Designer der Ulmer Hochschule für Gestaltung.  So viel Fachkraft war an kaum einem anderen Ort konzentriert.  Für einen Designanfänger war dies das Mekka des Design, hier war man am Puls der Zeit ...

Mit der täglichen Arbeit kam die Ernüchterung, sie hieß Produktdifferenzierung. So waren z.B.  alle Waschmaschinen baugleich, sie wurden in derselben Fabrik, auf demselben Produktionsband hergestellt und mußten schließlich doch unterschiedlich aussehen, wenn sie bei Neckermann, Quelle oder Kaufhof bzw. als jeweilige Hausmarke oder unter dem Markennamen Siemens im Fachgeschäft verkauft wurden.

Unsere Arbeit bestand nun darin, verschiedenen "Markenwaschmaschinen" durch das Aufkleben schmaler Chromstreifenfolien, das Verwende unterschiedlich großer oder farbiger Einstellknöpfe und die Gestaltung von Armaturen-Blendstreifen "unverwechselbar" aussehen zu lassen. Bei Kühlschränken, Staubsaugern, Kaffeemaschinen, Bügeleisen, Heizlüftern, Radios, Fernsehern war es genauso.

Andere Gehäuse und Zusatzfunktionen, andere Materialien durften aus Kostengründen nicht entwickelt werden.  Für die angestrebten großen Herstellungszahlen waren die verschiedenen Vertriebswege und dadurch die "Produktdifferenzierung" notwendig.  Wenn ich einmal versuchte, etwas "anderes" zu machen, wurde dich direkt abgekanzelt, so etwas sein nur bei Olivetti möglich, meine Entwürfe würden am "Deutschen Markt" vorbeilaufen.

Durch die Diskussion mit meinen Kollegen wurden mir schließlich die unterschiedlichen Gestaltungsphilosophien, die unterschiedlichen Arbeitsweisen bei der Gestaltung bewußt. Jede Gestaltung ist eine Antwort auf ein Problem, auf eine Frage, die zu einer Aufgabe führt.

Der Gestalter als freier Künstler sucht sich eine subjektive Aufgabe und entwirft dazu eine subjektive Lösung, sein Kunstwerk.  Ob es gefällt oder ob es gebraucht wird, interessiert ihn wenig.
Der Gestalter als Architekt bekommt seine Aufgabe vom Bauherrn gestellt, mit entsprechenden Auflagen bzw. Einschränkungen wie Baurecht, Lage, Größe und Etatvolumen.  Er entwickelt hierzu eine subjektive Lösung, von der er den Bauherrn überzeugen muß.  Ist der Bauherr vom Entwurf überzeugt und das Projekt einmal realisiert, interessiert es den Architekten wenig, ob die "Benutzer" mit dem Entwurf zufrieden sind.

Der Gestalter als Designer muß seine Ideen mehrfach verkaufen.  Ein Entwurf, der in Serie geht, aber nicht gekauft wird, und vom Markt verschwindet, beendet zumeist auch die Karriere eines Designers.  Designer müssen für die ihnen gestellte Aufgabe eine objektive Gestaltlösung finden.  Sie haben die Aufgabe, einen Entwurf zu schaffen, der vielen Benutzern eine Verwendungsmöglichkeit bietet und nicht zuletzt an der Verkauftheke das Preis- Leistungs- Abwägen des Kunden übersteht.

Bedarfs- und Funktionsanalysen, ergonomische Verbesserungen, Rücksichtnahmen auf den Zeitgeschmack, die Imagewünsche einer Firma, ökologische Gesichtspunkte und strenges Wirtschaftlichkeitsdenken führen zu anderen Gestaltlösungen, als sie Künstler und Architekten anstreben.  Jede gelungene Gestaltung ist ein Kompromiß zwischen Herstellungstechniken, Benutzungsfunktionen, Wirtschaftlichkeit und Gestaltqualität.

Mit meiner "Gestaltungsphilosophie" war ich natürlich bei Siemens nicht ausgefüllt, und daher gründete ich zusammen mit meinen Brüdern eine kleine Firma, die meine Entwürfe umsetzen und vertreiben sollte.  Da wir kein Geld hatten, interessierten uns besonders Herstellungsverfahren, für die wir keine teuren Maschinen benötigten.  Glasfaserverstärkter Polyester war ideal: der Polyester wurde mit Härter verquirlt und in Polyesterfomren gelegte Glasfasermatten damit durchtränkt.

Wir wollten Möbel herstellen, robuste Spielmöbel und Spielgeräte.  Noch zu Hause, im Keller meiner Wuppertaler Wohnung, baute ich ein Gipsmodell von einer Rutsche, bei der Rutschfläche und Aufstiegstreppe aus einem Stück bestanden: doch der erste Prototyp zerbrach.  So beschränkte ich mich zuerst einmal auf kleine Teile.

Inzwischen war ich bei Siemens und baute abends nach Dienstschluß und am Wochenende in der Modellbauwerkstatt von Siemens Kinderhocker und den Kinderstuhl mit hoher Lehne und Tisch.  Ich transportierte die Gipsklötze im Zug nach Wuppertal, meine Brüder fertigten entsprechende Polyesterformen an und begannen mit der Herstellung einer kleinen Serie.

Das war im Sommer 1966.
In den Sommerferien baute ich eine neue Rutsche, die diesmal standhielt, und entwarf eine runde Schaukelschale.  Nun hatten wir schon ein richtiges kleines Produktprogramm.  Auch wenn der Verkauf nur schleppend lief, bei Zeitschriften wie md und dem Essener Haus der Industrieform kamen wir gut an.  Diese Anfangserfolge ermutigten uns. Auf der Internationalen Möbelmesse 1968 in Köln auszustellen, wo wir ein zusätzliches Möbelprogramm für Erwachsene vorstellen wollten.

Wir verfolgten eine zweigleisige Strategie, einerseits das eher konventionelle Programm mit einem neuen Kufen-Stuhl und unserem Kinderprogramm und andererseits ein zweite ausgefallenere Richtung, unsere "Floris"-Serie.  Im Dezember 1966 begann ich mit den Entwürfen für den "Floris"-Stuhl.  Inzwischen hatte ich mir in München eine Baracke gemietet, in der ich wohnte und in meiner Freizeit Gipsmodelle baute.  Im Herbst 1967, nach der Entwicklung von drei Prototypen, war der "Floris"-Stuhl fertig.  Er sah wie eine Skulptur aus und war das Ergebnis eines technischen Kompromisses, aber eines guten Kompromisses.

Es war die Zeit des Infragestellens, kurz vor dem Pariser Mai´68 - die Zeit der APO, der außerparlamentarischen Opposition.  Die Mondlandung der Amerikaner, die Raumfahrt, neue Materialien, neue Denkanstöße, neue Lösungen für alte Probleme bestimmten unser Denken.
"Floris" war mein Protest gegen die Designkonvention vom "form follows funktion", der Suche nach der ewig gültigen, wahren Gestalt.  "Floris" war meine "außerinstitutionell" Opposition, meine AIO.  Meine Gestaltideen waren funktionell.  Die ergonomischen Gegebenheiten wie etwa exakte Beckenführung, Schenkelauflage und Nackenstütze ergaben eine bequeme, entspannte Sitzhaltung.  Das unangenehme Schwitzen beim Sitzen auf geschlossenen Kunststoffschalen wurde durch den Einbau von Belüftungskanälen verhindert.  Die Stabilität des Stuhls erreichte ich ohne Stege, ohne zusätzliche Verdickungen, lediglich durch die besondere Gestaltung der Flächen.  Es entstand ein elastisch-federnder Stuhl, der trotzdem große Standfestigkeit besaß.  Der "Floris" war stapelbar und wurde in einem Stück in einer zweiteiligen Form hergestellt.  Die "Floris" Serie umfaßte noch einen Hocker, einen Tisch und einen Stuhl mit konventioneller Lehne.

Auf der Kölner Möbelmesse von 1968 machte wider Erwarten nicht unser Kinderprogramm, sondern der "Floris"-Stuhl das Rennen, und wir wurden schlagartig bekannt.  Zwar lief die Fertigung nur schleppend, aber meine Brüder konnten davon leben.  Und da ich bei Siemens noch weitere Erfahrungen sammeln wollte, zog ich noch nicht nach Wuppertal zurück.  Wie man sich denken kann, waren mein außerbetrieblich gestärktes Selbstbewußtsein und die uniforme, angepaßte Siemens-Designvorstellung kaum friedlich miteinander zu verbinden.

1970 kündigte ich bei Siemens und erhielt ein Zeugnis, das mich zum Revoluzzer stempelte - Bewerbungen bei anderen Firmen erübrigten sich .  So machte ich mich selbständig.  Für unsere Wuppertaler Firma entwickelte ich weitere Sitzgruppen, Pavillons, Wandsitzelemente und Spielgeräte, doch die richtige Wirtschaftlichkeit wollte sich nicht einstellen.  Wir kalkulierten nicht kostenbewußt genug.  Die Preise der Produkte waren im Verhältnis zu Herstellungsqualität, Materialwert und Arbeitsaufwand zu gering, und außerdem waren wir nicht selbstbewußt genug, um unsere Produkte als extravagante, teure Einzelobjekte zu vermarkten.  Und schließlich hatten wir immer noch nicht die Idee aufgegeben, avantgardistische Serienprodukte für den "normalverdienende Bürger herzustellen.  Die Ölkrise 1973 tat ein übriges, und 1976 waren wir gezwungen, die Firma aufzulösen.

Die Zeit schritt voran, IKEA und die Holzmöbel traten ihren Siegeszug an, der erste Mensch auf dem Mond war längst zur Legende geworden, und ökologische Probleme bestimmten zunehmend das Tagesgeschehen.  Holz, auch wenn es mit Kunststoff beschichtet und mit hochgiftigen Mitteln imprägniert war, galt als "in", Kunststoff war "out".

Ich arbeitete mittlerweile für einige Spielgerätefimen, die mit ihren Holzprodukten große Erfolge verbuchten.  Durch mein Desing-Funktions-Kompromißdenken habe ich mir im Bereich Spielen, Kind, Spielplatz einen Namen und eine Marktnische geschaffen, aber an meine skulpturalen Entwürfen für Kunststoffmöbel, wie ich sie in den 60er und frühen 70er Jahren entwickelt habe, arbeitete ich nicht weiter.

Und heute?  Heute sind die Sixties wider in Mode gekommen, und meine frühen Entwürfe kann man zuweilen in Ausstellungen finden.  Der "Floris"- Stuhl ist in einer limitierten Auflage noch einmal produziert worden.  Ich bin gespannt, was die Zukunft an Gestaltung bringen wird.  Vielleicht waren die Sixties ein größerer Zukunftssprung als die heutige Zeit.
   

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