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Spielkonzept - Spielplätze für behinderte Kinder

In den letzten Jahren haben sich drei Begriffe im Zusammenhang mit Spielplätzen für behinderte Kinder herauskristallisiert.

1. Der behindertengerechte Spielplatz, darunter versteht man einen Spielplatz mit hohen Therapieeigenschaften, der meist an Behinderten- oder Sonderschulen und Heimen angegliedert ist.

2. Der integrierte Spielplatz soll ein Spielplatz sein, der auch für behinderte Kinder Spielmöglichkeiten hat, wo behinderte und nichtbehinderte Kinder Sozialkontakt finden können.

3. Der barrierefreie Spielplatz soll durch seine Gestaltung ermöglichen, daß er von allen Nichtbehinderten wie Behinderten gleich gut genutzt werden kann.

Um die Vor- und Nachteile dieser drei verschiedenen Konzepte beurteilen zu können, sollte man sich erstmal überlegen, was bedeutet das eigentlich "BEHINDERT SEIN“?

Unsere Umwelt ist so gestaltet worden, daß die Mehrheit der Menschen damit zurechtkommt. Die körperlichen und geistigen Fähigkeiten und Möglichkeiten der meisten Menschen reichen aus, um selbständig sich in dieser Welt zurechtzufinden. Die Mehrheit der Menschen, dieser durchschnittlichen Menschen bezeichnet man als normale Menschen, also als Menschen, die einer Norm entsprechen.

Alle Menschen, die von diesem Durchschnitt, von dieser Norm stark abweichen, können unsere Umwelt nicht so normal benutzen wie normale Menschen, die einer Norm entsprechen. Sie sind behindert im Umgang mit dieser Welt.

Würde die Mehrheit der Menschen blind sein und unsere Welt darauf eingestellt, wären die Sehenden die "Behinderten", weil sie sich nicht in einer "dunklen" Welt zurechtfinden könnten.

Wäre die Mehrzahl der Menschen nur einen Meter groß wie Kindergartenkinder und unsere Welt darauf eingestellt, wären wir Erwachsene die "Behinderten". (Wie das wäre, kann man in jedem Kindergarten testen.)

Wäre die Mehrzahl der Menschen so reaktionsschnell wie Stirling Moss und würden so Auto fahren, dann wäre der jetzige Autofahrer der "Behinderte", weil er zu langsam und zu schwerfällig reagierte.

Nicht die Abweichung von der Norm macht die Behinderten, sondern die Gestaltung unserer Umwelt macht die Behinderten. Wäre die Gestaltung unserer Umwelt vielseitiger, gäbe es weniger Behinderungen, gäbe es weniger Behinderte.

Behinderungen sind Einschränkungen der Freiheit.

- Freiheit der Bewegung
- Freiheit der Tätigkeit
- Freiheit des sozialen Verhaltens
- Freiheit der Selbstbestimmung
- Freiheit der Selbstverantwortung

Behinderungen sind Einzelfälle. Das Abweichen von der Norm ist individuell, es gibt wenige gleichartige Abweichungen.

Durch die Art und Weise der Entstehung der Abweichung und dadurch, daß diese Abweichungen auch mehrfach möglich sind, gleicht keine Abweichung der anderen Behinderte Menschen sind keine normbaren Menschen, es sind Menschen mit individuellen Eigenschaften.

Behinderungen sind individuell !

- Behinderungsart, Behinderungsstärke
- Kombination von verschiedenen Behinderungen
- persönliches Können
- persönlicher Durchhaltewille
- persönliches Umfeld

lassen jeden Behinderten zu einem einmaligen Fall werden.
 

Die Entstehung der Behinderung und das tägliche Fertigwerden mit der Behinderung hat den Behinderten auch seelisch und geistig geprägt und ihn auch dort zum Individualisten werden lassen.

Durch die Schwierigkeiten in der Benutzung unserer Umwelt sind die Menschen mit diesen individuellen Eigenschaften geprägt worden. Sie sind meist empfindsam und ängstlich. Je nach Situation und Veranlagung führt dies schnell zu Scham, Resignation, Trotz und Aggression.

Weitere Merkmale sind langsamere Bewegungen und Reaktionen, schnelles Ermüden, schlechtes Erkennen von Gefahren und schlechtes Verstehen von Situationen. Dies führt dann oft in eine soziale Isolation.

Diese Erkenntnisse sind Grundlagen für den behindertengerechten Spielplatz. Er soll Therapieeigenschaften mit den Möglichkeiten und speziellen Notwendigkeiten von Behinderten verbinden. Da dies generell für alle nicht möglich ist, muß der behindertengerechte Spielplatz in jedem Fall ein Spezialspielplatz sein. Der Rollstuhlfahrerspielplatz, der Blindenspielplatz, der Spielplatz für geistig Behinderte usw.

Diese Spezialspielplätze müssen individuell mit den späteren Betreibern und Benutzern zusammen geplant und auf das jeweilige Therapiekonzept hin entwickelt werden. Es können kaum gemeinsame Spielkonzepte für gegensätzliche Behinderungsformen entwickelt werden sondern oft sind diese Spezialspielplätze für die nicht vorgesehenen Behinderungsarten gefährlich.

Die niedrige, unterfahrbare Brücke, aus der der Rollstuhlfahrer von oben hängende Dinge greifen kann. wäre für den Blinden, der sie nicht am Boden mit dem Taststock ertasten kann, gefährlich. Die schmale Brücke, an der Gehbehinderte sich abstützen können, ist für den Rollstuhlfahrer nicht befahrbar. Auch die Stufen, der Spielsand, die Informationsraster für Blinde auf dem Boden sind für Rollstuhlfahrer gefährlich oder nicht überwindbar. Die kleine Schaukel, Rutsche, Karussell sind für den geistig Zurückgebliebenen mit ausgewachsenem Körper nicht benutzbar.

Deshalb sind behindertengerechte Spielplätze grundsätzlich Spezialspielplätze, die auch deshalb von der Spielgerätenorm abweichen können und für andere Gruppen nur bedingt benutzbar sind.

Der integrierte Spielplatz

Der Begriff ist aus dem Wunsch entstanden, behinderte Menschen mehr in die Gesellschaft zu integrieren und nicht als Randgruppe auszuschließen.

Dabei ist aber zu bedenken, daß jede Form von Integration im Kopf stattfinden muß. Integration ist keine Frage der Gestaltung oder des Baurechtes sondern der geistigen Einstellung und des sozialen Kontaktes. Ein Spezial-Rollstuhlkarussell macht noch keinen integrierten Spielplatz, denn man kann auch das rollstuhlfahrende Kind aus dem Rollstuhl und in das Standard-Karussell heben. Integration ist eine Frage des Wollens und Tuns.

Viele Spielgeräte können ohne Änderung von vielen auch mit Behinderungen benutzt werden, einige Geräte brauchen kleine zusätzliche Hilfen, aber einige Geräte sind für einige Behinderungsarten auch gefährlich.

Es wäre vielleicht sinnvoll, deshalb Geräte auf integrierten Spielplätzen zu kennzeichnen und zwar in folgende Gruppen.

1. Für welche Gruppe dieses Gerät zweckmäßig ist,
2. für welche Gruppe dieses Gerät bedingt noch benutzbar ist,
3. für welche Gruppe dieses Gerät nicht geeignet oder sogar gefährlich ist.

Zur Beurteilung dieser drei Gruppen sollte bedacht werden, daß für die
- Gruppe 1 ein Gerät nur dann geeignet ist, wenn der Benutzer es seinen individuellen Eigenschaften und persönlichen Möglichkeiten gemäß ohne zusätzlichen Mehraufwand an fremder Hilfe benutzen kann und es ihm Spielspaß, Wahrnehmungserfahrung oder Lebensfreude bietet.

- Gruppe 2 ein Gerät nur dann geeignet ist, wenn der Benutzer es zwar mit einem zusätzlichen Mehraufwand an fremder Hilfe benutzen kann, aber es ihm Spielspaß, Wahrnehmungserfahrung oder Lebensfreude bietet.

- Gruppe 3 ein Gerät ist, das eine Behinderung darstellt, das Anfälle auslösen kann oder den Benutzer diskriminiert, ihn in seiner Freiheit einschränkt oder aber sogar gefährlich für ihn sein kann.

Mit einer dritten Tabelle habe ich versucht, aufzuzeigen, welche Spielgeräte für welche Benutzergruppen mit welchen individuellen Eigenschaften geeignet, noch benutzbar oder gefährlich sind. Wobei teilweise zusätzliche Vorrichtungen oder Sicherheitsmaßnahmen notwendig sind.

Auf der folgenden Tabelle ist versucht worden, die Benutzungsmöglichkeiten der einzelnen Gruppen und der Spielgeräte darzustellen.
 
 
Häuser, Hütten, Unterstände Plattformen, Türme, Rampen Brücken, Übergänge, Hängebrücken, Netze Schaukeln, Wippen, Seilbahnen Karuselle Rutschen Sandspielgeräte, Bagger, Kräne, Wasserspiele
Sehfähighkeit ist eingeschränkt Tastinformation Tastinformation, zusätzliche Sicherung, Ab- und Aufgänge durch Geländer, Kopffreiheit Tastinformation, zusätzliche Sicherung durch Geländer Tastinformation, akustisches Signal bei Benutzung, Sicherheitsbereich durch Hindernisse kennzeichnen Tastinformation,
akustisches Signal bei Benutzung, Sicherheitsbereich durch Hindernisse kennzeichnen
Tastinformation, Auslaufbereich durch Hindernisse kennzeichnen Tastinformation, Schwenk- und Bewegungsbereich durch Hindernisse kennzeichnen
Hörfähigkeit ist eingeschränkt keine Probleme keine Probleme keine Probleme Sicherheitsbereich durch Hindernisse kennzeichnen Sicherheitsbereich durch Hindernisse kennzeichnen Gesamte Rutsche muß vom Anfang überschaubar sein. Auslaufbereich durch Hindernisse kennzeichnen Schwenk- und Bewegungsbereich durch Hindernisse kennzeichnen.
Greiffähigkeit ist eingeschränkt keine Probleme Zugänge leicht begehbar, ohne Handhilfe Zugänge lecht begehbar, ohne Handhilfe, Hängebrücken/Netze nicht geeignet. nur mit Sondersitzen geignet nur mit Sondersitzen oder Zusatzgeländer Zugänge leicht begehbar, ohne Handhilfe nur von Fall zu Fall geeignet
Gehfähigkeit ist eingeschränkt Sitzmöglichkeiten Sitzmöglichkeiten bei langen Zugängen, zwischendurch Sitzmöglichkeiten für Pausen, Anlehnen zwischendurch Sitzmöglichkeiten für Pausen, keine zu steilen, schrägen Aufgänge, für Gehstützen fester Belag Sitzmöglichkeiten für Wartende außerhalb des Sicherheitsbereichs großzügige Sitzmöglichkeit nur bedingt geeignet Sitzmöglichkeiten, zusätzliche Haltemöglichkeiten
Gleichgewichtsfähigkeit ist eingeschränkt keine Probleme zusätzliches Geländer, Auf- und Abgänge sichern zusätzliches Geländer, Auf- und Abgänge sichern, teilweise nicht geeignet nur bedingt geeignet nicht geeignet nur bedingt geeignet Handläufe und Sitzmöglichkeiten
Reaktionsfähigkeit ist eingeschränkt keine Probleme Auf- und Abgänge sichern Wegüberschneidungsbereiche sichern Sicherheitsbereich durch Handlauf sichern Sicherheitsbereich durch Handlauf sichern. Zusatzgeländer muß Auf- und Abspringen verhindern Gesamte Rutsche muß vom Anfang überschaubar sein Schwenk- und Bewegungsbereich durch Handlauf sichern
Koordinationsfähigkeit ist eingeschränkt keine Probleme Auf- und Abgänge sichern Zusätzliches Geländer, Auf- und Abgänge sichern, teilweise nicht geeignet nur bedingt geeignet nur bedingt geeignet nur bedingt geeignet nur einfache Geräte geeignet, komplizierte Geräte von Fall zu Fall als Therapie
Sozial-Verhaltensfähigkeit ist eingeschränkt Innenräume gut einsehbar Innenräume gut einsehbar keine Probleme überschaubare Anordnung, Aggressionsgefahr durch Geländer gegen Auf- und Abspringen sichern überschaubare Anordnung, Aggressionsgefahr Bewegungsgeräte nur bedingt, Aggressionsgefahr
Intelligenzfähigkeit ist eingeschränkt Innenräume gut einsehbar, größere Dimensionen, können auch noch erwachsene Behinderte nutzen Innenräume gut einsehbar, größere Dimensionen, sehr stabil zusätzliches Geländer, Auf- und Abgänge sichern, größere Dimensionen, sehr stabil Sicherheitsbereich durch Handlauf sichern, größere Dimensionen, sehr stabil Sicherheitsbereich durch Handlauf sichern, größere Dimensionen, sehr stabil nicht zu lange Rutschen, größere Dimensionen größere Dimensionen
Rollstuhlbenutzer/Innen  befahrbarer Belag auf Böden, breite Eingänge, Dreh- und Wendemöglichkeiten, Kopffreiheit befahrbarer Belag auf Böden, breite Eingänge, Rampen 6%, für Therapiezwecke  bis 12%, Kopffreiheit befahrbarer Belag auf Böden, breite Eingänge, Rampen 6%, für Therapiezwecke  bis 12%, Kopffreiheit nur mit Sondersitzen oder Spezialgerät nur mit befahrbaren Eingängen und Sicherheitsbügel/Geländer nur mit Betreuer, sonst nicht geeignet befahrbarer Belag auf Böden

Der barrierefreie Spielplatz

Aus der Überlegung, daß jeder Spielplatz eigentlich ein integrierter Spielplatz sein sollte und dafür einige Anforderungen fixiert sein sollten, hatte sich 1989 ein Unternormenausschuß BGSE gegründet (später umbenannt in AA 14.7) Ziel war es, eine Norm zu schaffen, die jedem ob blind, rollstuhlfahrend, gehbehindert, geistig behindert usw. die Benutzung der Spielplätze ermöglicht, also bauliche Barrieren verhindern sollte, einen Spielplatz barrierefrei machen sollte.

Barrierefrei bedeutet aber, daß das kleinste gemeinsame Vielfache angestrebt würde, damit würde der Spielplatz viele Spielmöglichkeiten und auch Therapiemöglichkeiten verlieren. Dies würde aber auf Kosten der gesamten Funktionstüchtigkeit eines Spielplatzes gehen. Wobei der Eingangsbereich eines Spielplatzes sicher barrierefrei sein sollte, aber schon Stufen oder Rampen mit mehr als 10% Steigung wären unzulässig auch Torgestaltungen würden schwierig. Weshalb es fraglich ist, ob für einen so individuellen Zustand wie Behindertsein, eine praxisgerechte Norm für Spielplätze zu schaffen ist.

Trotzdem kann man einige gemeinsame Zielvorstellungen, die ein Spielplatz für behinderte Menschen haben soll, aufstellen:

Die Hauptanforderungen an solche Spielgeräte außer Spielspaß, Lebensfreude und Aufheiterung sollten sein:

- Ausgleich oder Milderung der Benachteiligung durch die individuellen Eigenschaften
- Wahrnehmungserlebnisse
- Stärkung von Selbstvertrauen, Mut und Selbstachtung
- Erkennen von Grenzen, Herantasten an Grenzleistungen
- spielerisches Bewegungstraining
- Training für das Verhalten in der Umwelt (Verkehr, Arbeitsplatz, Wohnung)
- Anreize zur Aufnahme sozialer Kontakte, Kommunikationsförderung.

Weitere Kriterien der Geräte sollten sein:

- Die Schwierigkeit des Spiels muß vorher erkennbar sein;
- die Schwierigkeit sollte selbst bestimmt und während des Spiel selbst steuerbar sein;
- das Spiel muß jederzeit abbrechbar sein, es sollten Erholungspunkte, Ausruhpunkte, Fluchtwege bestehen;
- der Spieler sollte auch bei Spielmißerfolg sein Gesicht wahren können
- bei Überschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit müssen Sicherheiten; bestehen, damit kein Schaden oder Unfall entsteht;
- durch Wiederholung des Spiels andere oder schwerere Spielmöglichkeiten entdecken;
- durch Wiederholung und Lernen des Spiels höheres Spielerlebnis durch Routine;
- durch Erfolgserlebnis Anreiz zur Benutzung (Abkürzung, Erreichen eines Ziels, Prestigegewinn);
- Platz und Mitspielmöglichkeit für Betreuer;
- auch normalen Menschen Spielspaß bereiten, aber möglichst den Menschen mit individuellen Eigenschaften mehr oder bevorzugtes Spielerlebnis bieten;
- Gefahrenbereiche besonders kennzeichnen, eventuell erst durch Überwinden von Hindernissen zugänglich machen;
- Blindeninformation, Hörgeschädigteninformation, durch Tasten Informationen.

Diese Spielgeräte müssen für Menschen mit individuellen Eigenschaften leicht, ohne Probleme, ihren Möglichkeiten entsprechend, möglichst selbst erreichbar sein.

Diese Spielgeräte müssen besser witterungsgeschützt sein als Standardgeräte, da Menschen mit individuellen Eigenschaften gegen Witterungseinflüsse empfindlicher sind (Schatten, Windschutz).

Diese Spielgeräte müssen mit viel Bedacht aufgestellt werden. Zum einen soll der Benutzer nicht das Gefühl haben, auf der Mitte einer Platte präsentiert zu werden, andererseits auch nicht an die Ecke geschoben oder versteckt zu werden.

Doch wenn man es genau betrachtet, so sieht man, daß viele dieser Anforderungen auf jede Spielplatzgestaltung zutreffen und keine prinzipiellen Unterschiede zwischen Normkind und dem behinderten Kind, dem Kind mit individuellen Eigenheiten bestehen.
 

 

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