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Unfallursachen

Jeder Unfall hat eine Vorgeschichte. Hätte man mehr über die Vorgeschichte des Unfalls gewußt, hätte der Unfall verhindert, zumindest gemildert werden können. Denn "kein Unfall ist ein Zufall", wie die Straßenwacht argumentiert.

Die Erforschung von Unfallursachen auf Spielplätzen und an Spielgeräten, oder besser gesagt, die Erforschung der Situationen und der Umstände, die Unfälle provozieren, sind leider nicht mit den üblichen statistischen Befragungen und Erhebungen erfolgreich durchzuführen. Zum einen sind Unfallzeugen, -Verursacher und -Betroffene vorsichtig mit ihren Aussagen, um Versicherungsprobleme durch Schuldzuweisungen nicht auszulösen. Zum anderen sind die Fragenkataloge meist nur nach rechtsverfolgungs- und versicherungsäquivalenten Umständen aufgestellt.

Es gibt keine Literatur, aus der man Sicherheitsverhalten oder Sicherheitsvorkehrungen ableiten könnte, um Unfälle zu reduzieren. Die alten statistischen Erhebungen, die immer wieder rumgeistern, die die Häufigkeit von Unfällen auf Spielplätzen in Prozenten beschreiben (Klettern 25%, Laufen, Springen 21%, Rutschen 10%, Schaukeln 6%, Sonstiges 38%) lassen keine sicherheitstechnischen Erkenntnisse zu.

Eine wirkungsvolle Unfallursachenforschung müßte themenübergreifend arbeiten, sie könnte nicht einzelnen Wissenschaftsbereichen zugeordnet werden und gerade dies macht im heutigen Wissenschaftsbetrieb eine Forschungsarbeit schwer.

Aus Einzelerfahrungen, wenn man sie analytisch untersucht, kann man aber durchaus Erkenntnisse sammeln, die zu seriösen Aussagen führen, nach denen man sicherheitstechnische Maßnahmen ergreifen kann. Die Umstände, die Unfälle mittelbar oder unmittelbar beeinflussen oder auslösen, kann man in folgende Gruppen gliedern.

1. Psychologischer und physiologischer Zustand des Unfallopfers vor dem Unfall.
2. Spielsituation, Spiel, unmittelbare Tätigkeit
3. Indirekt oder direkt beteiligte Personen, Mitspieler, Begleitpersonen, Zeugen.
4. Örtlichkeit, soziales und bauliches Umfeld des Spielplatzes
5. Bauzustand des Platzes
6. Zustand und Ausbildung des unfallauslösenden Gegenstandes.
 

1. Psychologische Umstände, die zu Unfällen führen können

Kinder leben in ihrer Phantasiewelt, diese Phantasiewelt kann so stark sein, daß sie reale Gegebenheiten übersehen, verdrängen und als nicht relevant empfinden. Dazu kommt, daß Kinder spontan handeln, direkt tun, unmittelbar von einer Gegebenheit in die andre wechseln können und dabei auch oft reale Grenzen, Gefahren, bedrohliche Umstände nicht wahrnehmen. Während dies normal kindliches Verhalten ist, können psychische Umstände - wie Streit, Angst, Schulstreß, Trauer, Einsamkeitsgefühle, Gefühle nicht geliebt zu werden, Leistungserwartungen nicht erfüllen zu können - zu selbstzerstörerischem, leichtsinnigem, unvorsichtigem, aggressivem Verhalten provozieren, das geradezu Unfälle heraufbeschwört.

Die physiologischen Zustände, wie Erschöpfung oder Unaufmerksamkeit durch Hunger, Durst, Toilette-gehen-müssen sind normale jederzeit mögliche Umstände, die zu Unfällen führen können. Aber auch Wahrnehmungsprobleme sind oft Unfallursachen. Es ist bekannt, daß waagerechte Gegenstände in Augenhöhe (perspektivisch neutrale Ebene) kaum oder nur schwer wahrgenommen werden können. Diese Augenhöhe ist bei einem Siebenjährigen etwa in l,0 m Höhe für einen Erwachsenen etwa in 1,5m, dadurch entstehen unterschiedliche Sicht- und Gegenlaufprobleme.

Die instinktiven Fluchtrichtungen beim Menschen sind nach vorne, hinten, links, rechts, aber niemals diagonal. Wenn hinter einem Flüchtenden unmittelbar ein Pfosten steht, wird er fast sicher immer dagegen laufen, auch wenn er weiß, daß dort ein Pfosten steht, denn der Fluchtvorgang ist: Rumdrehen, laufen und dann erst sehen wohin und die Richtung steuern.

Ein weiterer, oft nicht berücksichtigter physiologischer Unfallverursacher ist das Wachstumsproblem. Unsere Bewegungen werden mit unseren Erfahrungen koordiniert und gesteuert. Aus der Erfahrung wissen wir, wie unsere Leistungsfähigkeit ist, wie lang unsere Gliedmaßen, wie kraftvoll, wie schnell wir sind. Bei den einzelnen Wachstumsschüben der Kinder verschieben sich die Realität und die Erfahrungswerte. Die Arme sind etwas länger, der Schritt ist ausladender, der Kopf ist höher, (am Briefkasten, unter den man immer laufen konnte, stößt man sich den Kopf an).

Nach einiger Trainingszeit wird die kindliche Erfahrung sich wieder auf die neue körperliche Realität einstellen, aber bis dahin ist das Kind sehr gefährdet. Das typische schlaksige Rumhampeln mit Armen und Beinen, stolpern, an Dinge anstoßen, Dinge kaputtmachen durch unverhältnismäßig harte, schnelle oder zu kraftvolle Bewegungen, all dies sind Zeichen von Koordinierungsfehlern, weil die körperliche Realität mit den subjektiven Erfahrungswerten nicht im Einklang ist.

Diese Koordiniepungsprobleme können Unfallverursacher sein, obwohl das Kind sich vorsichtig bewegen und verhalten wollte, der Gegenstand bekannt und sicher war und die Spielumstände eigentlich keinen Unfall provozieren sollten.
 

2. Spielsituationen, die zu Unfällen führen.

Spielen ist der spielerische Umgang mit Dingen, nicht der ernste, zielgerichtete, ergebnisorientierte Umgang. An einer Schaukel schaukeln, an einer Rutsche rutschen ist noch lange kein Spiel. Spielen ist der kreative, phantasievolle, entdeckungs- und experimentierfreudige Umgang mit Dingen. Oft fängt da das Spiel an, wo wir Erwachsenen sagen "laß das, spiel nicht rum!" So können an Dingen, die nur monofunktionale Spielmöglichkeit haben, an denen nicht rumgespielt werden kann, durch extremes "anderes" Benutzen, durch gefährliches Rumspielen Unfälle entstehen.

Die Monofunktion einer Bockrutsche führt dazu, daß das Kind, wenn es rumspielen will, die Rutsche hochzukriechen versucht oder an der Aufstiegsleiter hampelt, andere schubst oder den Aufgang für andere zu blockieren versucht. Dies alles kann zu Unfällen führen, obwohl die Bockrutsche kein gefährliches Spielgerät und das Kind nicht leichtsinnig oder aggressiv war. So können sichere Spielgeräte durch Langweiligkeit gefährliches Spielverhalten provozieren.
 

3. Indirekt oder direkt beteiligte Personen bei Unfällen.

Wenn ich auf Spielplätzen mit meinem Fotoapparat aufkreuze, werfen sich schon Dreijährige in Positur. Größere Kinder versuchen, durch exaltiertes Benehmen, durch lautes aggressives Rumtoben oder durch waghalsiges, akrobatisches Verhalten Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und alle wollen fotografiert werden. Das Aufkreuzen einer "ungewöhnlichen" Person läßt Kinder ihr Verhalten ändern, um Aufmerksamkeit und Interesse zu wecken und dadurch Erfolgserlebnisse zu bekommen. Dies überzogene Verhalten der Kinder kann zu Unfällen führen, sozusagen Unfälle durch eigentlich unbeteiligte Personen.

Aber auch die neue, zum Spiel dazukommende Person läßt das Kind sein momentanes Spiel abbrechen. Ist die Person sympathisch, wird das Kind versuchen, durch auffälliges Benehmen auf sich aufmerksam zu machen und die Person mit einbeziehen, ist die Person unsympathisch, wird mit aggressivem Verhalten versucht, die Person zu vertreiben und zu vergraulen. Beide Verhaltensweisen können durch Übertreibung zu unfallträchtigem Verhalten führen.

Eine besondere Gruppe von unfallauslösenden Personen auf Spielplätzen sind Eltern und erwachsene Begleitpersonen. Zum einen ist immer wieder zu beobachten, daß Eltern und erwachsene Begleitpersonen Kinder zu Verhalten und Tätigkeiten animieren, wozu sich das Kind alleine nicht trauen würde. Worte wie: "trau dich doch du Feigling", "rutsch doch schon runter, ich steh hier und fang dich auf" oder "schau, die anderen können das doch auch" führen Kinder in gefährliche Streßsituationen. Eltern, die ihre kleinen Kinder in hohe Klettergeräte, Türme oder Rutschen heben, Eltern, die ihre Kinder in der Schaukel fast zum Überschlag anschubsen oder in Karussells drehen bis zum Kotzen, sind leider nicht die Ausnahme sondern jederzeit auf Spielplätzen anzutreffen.
 

4. Örtlichkeit, soziales und bauliches Umfeld des Spielplatzes

Die Bebauungsstruktur, die Bebauungsdichte, die Konzentrierung von Wohnungen hat auf die Benutzungsart des Spielplatzes Einfluß. Gibt es im erreichbaren Umkreis des Spielplatzes andere Spielplätze, Spielmöglichkeiten, benutzbare Grünflächen und wie gut oder schlecht können sich Interessengruppen dezentralisieren? Dies kann aggressives Verhalten beeinflussen und damit die Unfallträchtigkeit. Mangel an Freiflächen in einem Stadtgebiet führt dazu, daß auch spielplatzfremde Benutzergruppen wie Senioren, Arbeitslose, Stadtstreicher oder Hundebesitzer mit Hunden die Spielplätze benutzen und für Kinder blockieren, bzw. eine Nutzung einschränken, was zu Interessenskonflikten und unfallträchtigem Verhalten provozieren kann.

Die soziale Struktur der Benutzergruppe spielt eine Rolle bei der Spielplatznutzung. Wobei sich gezeigt hat, daß in sozialschwachen Strukturen Kinder oft eine höhere Eigenständigkeit und damit ein stärkeres eigenverantwortliches Verhalten haben, während in sozial (und finanziell) besser gestellten Strukturen die unselbständigen, überbehüteten Kinder, die Gefahren selbst nicht abschätzen können, stärker vertreten sind.

Auf das Verhalten der Kinder hat auch Einfluß, ob sie aus dem direkten Einzugsgebiet des Spielplatzes oder als nomadisierende Gruppe aus einem entfernten Einzugsgebiet kommen. In der Nähe könnten sie von Nachbarn, Lehrern, Bekannten gesehen, erkannt und verpetzt werden und sind deshalb gedämpfter und vorsichtiger und damit nicht gar so risikofreudig in ihrem Spiel.
 

5. Bauzustand des Spielplatzes

Die Größe des Spielplatzes, die Trennung und Gliederung der Spielfunktionen nach Interessen, Anforderungen, Leistungs- und Altersklassen entscheiden mit über Unfallgefahren. Spielplätze, auf denen sich Benutzergruppen aus dem Weg gehen können, wo verschiedene gleich attraktive Bereiche dezentral, harmonisch in die Landschaft eingefügt sind, werden viel sanfter benutzt als Zentralspielbereiche oder zentrale Multispielanlagen, die alle Benutzer auf engem Raum konzentriert und Konfliktsituationen und Störungen unausweichbar macht.

Harmonische, vielgestaltige, nicht zu aufputschende, mit viel Natur versehene Gestaltung veranlaßt zu einem weniger risikobereiten Spielen als konzentrierte, flache, übergestaltete, stark animierende Spielmaschinen. Es kann also das Angebot und die Präsentation der Spielmöglichkeiten die Unfallrisikogröße beeinflussen.

Aber auch der allgemeine Pflege- und Wartungszustand eines Platzes, Sauberkeit, schnelle Reparatur, Entfernung von Glassplittern, Lockerung des Fallschutzsandes, freundliche, liebevolle Pflege der Pflanzen kann die Benutzungsart und -weise beeinflussen, kann zu unfallvermeidendem Verhalten animieren.
 

6. Ausbildung und Zustand des unfallauslösenden Gegenstandes.

Die DIN 7926 versucht durch Anforderungen an Konstruktions- und Gebrauchsqualität der Spielgeräte ein hohes Sicherheitsniveau zu erreichen, das Unfälle möglichst weitgehend einschränkt. Aber im Gegensatz zu der allgemeinen Auffassung, daß sichere Spielgeräte wenig Unfälle, gefährliche Spielgeräte viele Unfälle auslösen, hat sich gezeigt, daß an einem gefährlichen Spielgerät, wenn die Kinder die Gefahren erkennen und begreifen, kaum Unfälle aber an sicherheitsuggerierenden, sicheren Spielgeräten durch leichtsinniges Bespielen durchaus auch Unfälle passieren können.

Diese Erfahrung sollte nicht dazu verführen, gefährliche Spielgeräte zu akzeptieren oder zu bauen, aber sie sollte bewußt machen, daß Kinder Gefahren suchen. Sich an Gefahren herantasten und Gefahren bewältigen ist ein Teil Spiel. Spielgeräte, die durch zu viel Sicherheit gesichert sind, werden so benutzt, daß gerade diese Sicherheit Gefahren auslösen kann, wie das Balancieren auf dem Geländer oder der Fallschutz, der als Trampolin benutzt wird.

Das richtige Maß an Sicherheit, das Vermeiden von unnötigen oder nicht erkennbaren Gefahren, eine solide Konstruktion, die eine Benutzungsqualität über die gesamte Funktions- und Gebrauchsdauer eines Spielgerätes garantiert und viele Spielfunktionen führen zu einem unfallarmen Gebrauch der Spielgeräte.

Jedoch die Einhaltung der DIN 7926 sollte uns nicht das Gefühl geben, alles für die Unfallverhütung schon getan zu haben. Die DIN 7926 ist nur ein kleiner Schritt für eine kindgerechte und dadurch kindersichere Spielwelt.
 

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